Hilfseinsatz im Kongo

ein neues Krankenhaus für Goma

Goma – Hauptstadt des Bezirks Nord-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo, Grenzstadt zu Ruanda, 1,2 Mio. Einwohner, gebeutelt von Bürgerkriegen und Rebellenangriffen und noch immer gezeichnet von dem Vulkanausbruch in 2002, der die komplette Infrastruktur der Stadt zerstörte…

Das war das Ziel meines diesjährigen „Sommerurlaubs“. Warum ich diesen Ort Sonne, Sand und Meer vorzog und es keine Sekunde bereute, erfahrt ihr in diesem Gastbeitrag.

Mein Name ist Sina, ich bin seit Jahren mit Kate befreundet und zusammen haben wir schon einige Reiseabenteuer erlebt. Nachdem ich letztes Jahr bereits über meinen Hilfseinsatz in Äthiopien geschrieben habe, ging es dieses Jahr für mich in den Kongo. Dort nahm ich für knapp zwei Wochen an einem Hilfseinsatz von “Kirche in Aktion” teil. Unsere Mission: Der Bau einer Klinik in einem Armenviertel. 

Sina im Kongo

Wer, wie, was?

Seit fünf Jahren fliegt eine Gruppe von Ehrenamtlichen in die kongolesische Stadt Goma, um dort die Menschen vor Ort ganz praktisch bei der Verwirklichung von sozialen Projekten zu unterstützen. Während der letzten Jahre ist eines deutlich geworden: Goma benötigt dringend eine bessere medizinische Versorgung. Zwar gibt es einige Allgemeinmediziner und auch ein paar teure Krankenhäuser. Fachärzte und bezahlbare medizinische Versorgung für die Ärmsten der Armen sind dort aber Mangelware. Seit nunmehr zwei Jahren reisen daher in Kooperation mit uns, Ärzteteams aus Deutschland und den USA nach Goma. Sie haben bereits über 600 kostenlose OPs unter schwierigsten Bedingungen durchgeführt.

Der medizinische Alltag sieht dort düster aus: So kümmert sich ein Allgemeinmediziner im Schnitt um 10.000 Einwohner. Fachärzte gibt es noch weniger. Für 1.000 Einwohner stehen nur 0,8 Krankenhausbetten zur Verfügung. Da stößt das System schnell an seine Grenzen. Hinzu kommt, dass sich viele Einwohner schon einfache medizinische Behandlungen gar nicht leisten können. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Gesundheitsausgaben in Goma pro Person und Jahr bei nur 8 USD liegen. Im Vergleich: In Deutschland kostet jeder Bürger das Gesundheitssystem jährlich über 4.000 Euro.

Deswegen hat “Kirche in Aktion” gemeinsam mit dem Ärztehilfswerk “Interplast Deutschland” den Plan entwickelt, in Zusammenarbeit mit der Kirche und Gemeinde vor Ort, ein medizinisches Versorgungszentrum zu verwirklichen. Es soll ein von Einheimischen geleitetes Krankenhaus der Grundversorgung entstehen, in dem auch regelmäßig westliche Ärzteteams in Kurzeinsätzen operieren, behandeln und heimische Ärzte schulen können. Hierfür wurde die NGO “People in Action” gegründet, eine gemeinsame Organisation, durch die ein echtes „Wir-Gefühl“ geschaffen wurde. Wie gut diese Zusammenarbeit mit den Bewohnern vor Ort und den Helfern funktioniert habe ich mit eigenen Augen gesehen und erlebt. 

Die medizinische Situation vor Ort

Das Gelände für den Klinikbau stand bei unserer Ankunft in Goma bereits fest. Es liegt inmitten eines Armenviertels. Aktuell stehen dort eine Kirche und ein Pfarrhaus sowie eine winzige provisorische Krankenstation aus Holz. Fließendes Wasser, Strom und Hygienestandards sind dort weit und breit nicht zu finden. Das „Labor“ ist ein Uralt-Mikroskop, das vor der Krankenstation, umgeben von Dreck und Geröll steht. Das „Wartezimmer“ ist eine Sitzbank außerhalb der Station. Hier warten die Patienten geduldig – teilweise mehrere Tage – bis sie untersucht werden können.

Und dennoch hat mich das medizinische Personal vor Ort tief beeindruckt. Drei Pastoren haben vor Jahren entschieden, den Menschen nicht nur seelsorgerlich beizustehen, sondern sie auch aktiv „zu heilen“. Deshalb studierten sie neben ihrem Pastoralamt Medizin und teilen sich nun ihre kirchliche und medizinische Arbeit in Schichten auf. Voller Hingabe und Wissbegierde habe ich diese drei Männer erlebt.

Einer von ihnen, sein Name ist Efraim, stand uns während unseres Aufenthalts als Übersetzer zur Verfügung. So begann der Tag für ihn früh morgens mit pastoralen Tätigkeiten, bevor er seine Schicht auf der Krankenstation antrat um uns daraufhin noch bis spät in den Abend hinein bei verschiedenen Terminen und Besuchen zu begleiten. Er war für die dortigen Verhältnisse sehr gebildet und medizinisch versiert – ihm und seinen Kollegen fehlt es schlicht an der richtigen Infrastruktur, an Materialien, Geräten und einer richtigen Krankenstation.

Wir hatten die Absicht, eine Mauer zu bauen

Das Ziel unseres Einsatzes war es, das Gelände zunächst abzusichern, damit hier anschließend ein echtes Krankenhaus aus Stein anstelle der provisorischen Hütte entstehen kann. Absichern, das heißt ganz praktisch: Eine Mauer bauen. Mit einer großen Portion Humor – wir witzelten, dass wir Deutschen ja schließlich wissen, wie man eine Mauer baut – gingen wir das Projekt an.

Zum Start veranstalteten wir ein großes Nachbarschaftstreffen und luden hierzu die kirchlichen und lokalen Autoritäten sowie alle Bürger der Umgebung ein. Rund 300 Menschen folgten dem Ruf – sie waren neugierig. Unsere afrikanischen Freunde sind offene Diskussionsrunden nicht gewöhnt. Umso schöner war es, dass wir mit einfachen Fragen ans Plenum das Wir-Gefühl stärken und viele freiwillige Helfer und Befürworter für das Projekt rekrutieren konnten.

„Was ist gut an der aktuellen Krankenstation; was soll auf jeden Fall beibehalten werden? Was soll die neue Krankenstation mitbringen; Was muss anders werden? Wie setzen wir das um? Das waren die zentralen Fragen und viele Kongolesen hatten eine genaue Wunschvorstellung, die sich mit unserer Vision deckte: Die neue Station soll eine bessere Versorgung mit moderneren medizinischen Geräten bereitstellen. Deutsche Ärzteteams sollen dort die kongolesischen Kollegen schulen können und so deren fachspezifisches Wissen stärken. Aber: Die Versorgung der Ärmsten der Armen soll auch weiterhin vom bisherigen Personal ermöglicht werden. Wir baten um Unterstützung – und verdeutlichten, dass wir dieses Projekt nur gemeinsam stemmen könnten.

Ein holpriger Start

Am nächsten Tag kamen über 150 Freiwillige um uns bei den ersten Bauarbeiten zu helfen – und der Helferstrom nahm auch mit den Tagen nicht ab. Jeden Tag begannen wir mit gemeinsamen Singen und Tanzen – die Lebensfreude und positive Ausstrahlung mit der die Kongolesen dem Leben begegnen, ist etwas, wovon wir Deutschen uns wirklich eine Scheibe abschneiden können!

Nach einem anfänglichen Patzer von unserer Seite, wuchsen wir – Afrikaner und Deutsche – zu einem echten Team zusammen. Was war am Anfang passiert? Zu Beginn der Bauarbeiten haben wir wie selbstverständlich Handschuhe angezogen, ohne zu bedenken, dass wir nicht für alle 150 Helfer zusätzliche Paare bereitstellen konnten. Wir schufen so ungewollt eine Abgrenzung in „Wir“ und „Ihr“ und stellten uns unbewusst über die anderen Helfer. Einige Jugendliche rebellierten – im Nachhinein würde ich sagen zu Recht. Die Stimmung schien zu kippen. Wir lösten den Konflikt, in dem wir am ersten Tag alle Handschuhe an die afrikanischen Helfer verteilten und selbst auf dieses Arbeitsmittel verzichteten. Ab dem zweiten Tag teilten wir alle Handschuhe fair untereinander auf, wobei die Koordination ein Mitarbeiter der dortigen Kirche und eben nicht wir „Weißen“ übernahm. Der Vorfall lehrte mich viel zu Teamdynamik und der Wirkung, die unser Handeln auf andere haben kann. Wir zogen unsere Lehren und schafften es, Tag für Tag, ein immer stärkeres Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Stein für Stein

Insgesamt haben wir gemeinsam mit den vielen lokalen Helfern in ca. einer Woche rund 100 Tonnen Steine und Geröll abgetragen. Das gesamte Grundstück war zuvor übersät von erkaltetem Lavagestein. Nachdem wir das beseitigt hatten, konnte eine richtige Mauer entstehen. Die Mauer, da waren sich alle einig, war wichtig um die zukünftige Krankenstation vor Diebstahl und Einbruch zu sichern.

Gemeinsam mit unzähligen Kindern, Frauen, die ihre Babys teilweise auf den Rücken gebunden hatten und einigen motivierten Jugendlichen und Männern bildeten wir Arbeitsreihen, um Stein für Stein abzutragen. Unsere Hände waren das wichtigste Werkzeug. Ansonsten besaßen wir insgesamt vier Schaufeln, zwei Haken und vier Schubkarren – Bagger und Co. gibt es in Goma nicht. Mich erinnerte das Bild, das wir abgaben, an die Trümmerfrauen des Nachkriegsdeutschlands.

Erschreckend war auf der Baustelle das Müllproblem. Zwischen Steinen und Geröll fanden wir immer wieder Spritzen und Ampullen. Da es keine Müllentsorgung gibt, wussten Mediziner und Pflegekräfte sich nicht besser zu helfen, als ihren Sondermüll zu vergraben. Es war ein riesiger Schreck, als mit das erste Kind eine benutzte Spritze reichte…

 

Bohnen und Linsen sortieren wie Aschenputtel

Die Stimmung war dennoch sehr positiv. So kam man – meist aufgrund der Sprachbarriere mit Händen und Füßen – ins Gespräch mit den anderen Helfern. Die Trennung zwischen „uns“ und „den anderen“ gab es bei der gemeinschaftlichen Arbeit nicht mehr. Nach kurzer Zeit hatten wir dann auch einen gemeinsamen Schlachtruf, der uns anspornte, wenn die Kräfte nachließen. Er hieß: „Kuwo hiko? Iko!“ Das ist Suaheli und heißt so viel wie „Gibt es Stärke? Gibt es!“

Mittags bereiteten die Frauen des Pastorats, das ebenfalls auf dem Gelände angesiedelt ist, immer ein warmes Essen für alle zu. Ihr glaubt gar nicht, wie lecker eine einfache Speise wie Kartoffeln und Bohnen schmeckt, wenn man körperliche Arbeit in der prallen Sonne nicht gewöhnt ist und einfach großen Hunger hat. Eines Tages trafen wir auf vier Frauen hinter dem Haus, wie sie für die Mahlzeit des Tages gute von schlechten Bohnenkörnern aussortierten. Spontan und sicherlich auch dankbar, nach tagelangem Steine-Schleppen einmal eine andere Tätigkeit auszuüben, fragten wir, ob wir ihnen helfen könnten. So kam es, dass einige von uns an der Zubereitung einer Bohnenspeise für die 200 Helfer teilnahmen. Die Frauen freuten sich aufrichtig über die Gesellschaft und besonders die Hilfe unserer Männer sorgte für viel Gekicher: Männer, die „Frauenarbeit“ machten und die auch noch Gäste in ihrem Land waren, das hätten sie sich nicht vorstellen können. Diese einfache Tätigkeit schaffte eine kulturübergreifende Gemeinschaft und zeigte mir: es sind nicht immer die großen, sondern vielmehr die kleinen Aktionen, die Nähe und Wertschätzung bringen.

Kinder auf der Baustelle

Am beeindruckendsten fand ich die Unterstützung und die Kraft der vielen Frauen und Kinder. Unglaublich, mit welcher Freude sie bis zu acht Stunden am Tag auf der Baustelle halfen. Für die Kinder waren die Bauarbeiten der größte Spaß. Anders als in unserem verwöhnten Deutschland, fehlt es ihnen häufig an Spielsachen, Spielplätzen, Beschäftigung und menschlicher Zuwendung. Kinder im Kongo erziehen sich häufig selbst, da die Eltern keine Zeit und keine Kraft dafür haben. Die Familie vor dem Hungertot zu bewahren, kostet häufig schon genug Kräfte.

Mein Lieblingskind hieß Miriam. Sie dürfte nicht älter als fünf gewesen sein. Während der gesamten Zeit sind mir nicht einmal ihre Eltern begegnet. Dennoch war sie Tag für Tag bereits vor uns auf der Baustelle und wartete gespannt darauf, uns helfen zu können. Natürlich haben die ganz kleinen Kinder nicht die schweren Steine geschleppt. Zwei Teammitglieder veranstalteten mit ihnen ein kleines Kinderprogramm, das sie in die Bauarbeiten integrierte, ohne dass sie tatsächlich schwer anpacken mussten. Aber zurück zu Miriam: Sie hatte an mir einen Narren gefressen, was auf absoluter Gegenseitigkeit beruhte. Wir waren noch nicht an der Baustelle angelangt, da lief sie mir freudestrahlend entgegen. Das Kind sprach kaum und doch kommunizierte sie mit mir mit ihre Augen und Gestik und berührte mich dabei tief. Sie suchte nach Nähe und Liebe und ich bin froh, ihr diese, wenn auch nur für eine kurze Zeit, geschenkt zu haben.

Ein feierliches Ende

Während wir das Grundstück und vor allem die Grundstücksgrenzen von den Lavasteinen und dem Geröll befreiten, bauten professionelle Maurer die neue Mauer hoch. Ein besonderes Highlight war dann die „Taufe“ des Grundsteins. Denn anders als bei uns, ist die Grundsteinlegung dort nicht nur ein symbolischer Akt, sondern ein Großereignis. Unsere Pastorin sollte den Stein segnen und dann mit Wasser „taufen“ und auch einer der lokalen Autoritäten hielt eine Rede, bevor er die Flasche Wasser ansetzte und daraufhin auf den Stein spukte – drei Mal wiederholte er dieses bizarre Vorgehen. Wir Deutschen kamen da ganz schön ins Staunen. Natürlich war auch dieses Ereignis Grund für ein Fest mit viel Tanz und Gesang – es braucht manchmal so wenig, um das Leben dankbar zu genießen – manchmal reicht die Ecksteinlegung einer Mauer. Mich würde ja mal interessieren, wie der Grundstein des tatsächlichen Klinikbaus gefeiert wird, wenn die Mauer schon so bejubelt wurde.

Zum Ende unserer Bauarbeiten stand die fertige Mauer. Als Andenken an unsere gemeinsame Zeit erhielten alle Kinder und Helfer ein Porträtbild von sich geschenkt. Für viele – vor allem für die Kinder – war es das erste Bild von sich selbst. Die Freude war dementsprechend sehr groß!

Land und Leute 

Natürlich habe ich während meines Hilfseinsatzes in Goma mehr als nur die Baustelle gesehen. Was ich darüber hinaus erlebt habe, erzähle ich euch im zweiten Teil dieses Gastartikels.