Hilfseinsatz im Kongo – Teil 2

Schule, Waisenkinder, Kindersoldaten und ein Blick über die Grenze nach Ruanda

Waisen im Kongo

Hey, ich bin es nochmal: Sina. Nachdem ich euch im ersten Teil alles über unser Krankenhaus-Projekt in Goma erzählt habe, berichte ich euch in diesem zweiten Teil noch mehr über meine Erlebnisse in der Demokratischen Republik Kongo.

Dieser taucht noch tiefer ein in Land und Leute und stellt einige wirklich spannenden Projekte für Kinder und ehemalige Kindersoldaten vor.

Und da wäre noch Ruanda: Wir sind über Ruanda in den Kongo eingereist. Das Land gilt als die Schweiz Afrikas. Warum? Hier erfahrt ihr mehr.

Hilfseinsatz Kongo

Lava, Lava, nichts als Lava

Goma ist eine von Kriegen, Rebellen und Vulkanausbrüchen gebeutelte Stadt. Insgesamt gibt es nur zwei asphaltierte Straßen – wobei eine davon eine von deutschen Geldern bezahlte Kopfsteinpflaster-Straße ist. (Warum die Deutschen es als sinnvoll erachteten, als Bodenbelag Kopfsteinpflaster zu wählen, habe ich bislang nicht ergründet.) Die restlichen Wege bestehen aus unebenen, getrockneten Lavasteinen und Geröll – eine Autofahrt über diese Straßen hat für die weibliche Haut einen ähnlich positiven Effekt, wie die, in deutschen Fitnessstudios so beliebten Vibrationsplatten. Ich hatte wirklich Muskelkater.

Als Fortbewegungsmittel stand uns zumeist ein Kleinbus zur Verfügung, in dem wir uns mit bis zu 24 Personen hineinquetschten – einer unserer afrikanischen Freunde stand außen auf der Kofferraumablage und hielt sich am Dachträger fest – kein Witz! Neben Autobussen, Motorbike-Taxis und Autos, die so alt sind, dass sie schon vor Jahrzehnten weder Abgastest noch TÜV überstanden hätten, prägen die in Goma erfundenen Lastenfahrräder aus Holz – das so genannte “Tshukudu” – das Straßenbild. Sie dienen als Transportmittel. Auf dieses Fahrrad sind die Kongolesen besonders stolz: ein riesiges Statuen-ähnliches, vergoldetes Rad dient sogar als Wahrzeichen der Stadt.

Die Stadt verfügt über kein Abwasser- oder Müllentsorgungssystem und auch keine Stromversorgung. Deshalb gibt es hier Läden, deren einzige Dienstleistung es ist, die Handys der Kunden zu laden. Wasser wird aus dem an die Stadt grenzenden Kivu-See geholt – ganz klassisch mit Wasserkanistern. Wer es sich leisten kann, lässt es sich über Wassertankwagen nach Hause liefern, wo es in eigene Tanks umgefüllt wird. Die Einheimischen setzen dem Wasser Anti-Cholera Tabletten bei und nutzen es daraufhin für die Hygiene sowie als Trinkwasser. Müll wird auf offener Straße verbrannt – Plastik gemeinsam mit Klopapier, restlichen Medikamenten oder Essensresten.

Zu Gast im Kongo

Die Stütze der Gesellschaft sind in Goma die Kirchen – so auch die Kirche des Nazareners, mit der wir kooperierten und bei dessen Bischof wir beherbergt waren. Die Kirchen sind es, die sich um Waisen, Witwen, Arme und Kranke kümmern. Auf Regierung und Staat im Allgemeinen ist kein Verlass. Es werden keine Steuern eingezogen (von welchem Einkommen auch), das System ist korrupt und der Staatschef verweigert seit zwei Jahren die turnusmäßig anstehenden Neuwahlen. Das Staatsversagen zeigt folgendes Beispiel: Auf dem Markt erhält man eine Kalaschnikow für 10 Dollar. Eine Packung Kakao kostet hingegen 20 Dollar. Kein Wunder also, dass wir Tag und Nacht unter Polizeischutz standen.

Unser Gastvater Balibanga hat 12 Kinder und noch einige „Adoptivkinder“, die miterzogen und -ernährt werden. Für afrikanische Verhältnisse haust die Familie Balibanga (der Name heißt übersetzt tatsächlich „wie viele?“ – bei einer Großfamilie mit so vielen zusätzlichen Ziehkindern ein passender Familienname, wie ich finde) – fast schon wohlhabend in einem echten und vor allem eingezäunten Steinhaus mit mehreren Schlafzimmern und Bädern.

Für unser 13-köpfiges Team hatte man drei Schlafzimmer geräumt, so dass wir zu Dritt bzw. Viert in den jeweiligen Zimmern schliefen. Wir hatten ein eigenes Bad, wobei dieses kaum als solches bezeichnet werden kann. Schnell fanden wir nämlich heraus, dass Spülung und Wasserhahn undicht waren und nach einem einfachen Toilettengang das Bad zu überfluten drohte. Also befüllten wir Wassereimer mit denen wir spülten und duschten. Auch dieses Wasser kam von genanntem See, so dass es ratsam ist, zum Zähneputzen Mineralwasser aus verschweißten Wasserflaschen zu nutzen. Nur verschlossen wäre zu riskant, da viele das Seewasser als Mineralwasser ausgeben und zum Kauf anbieten. 

Jeden Morgen und Abend bereitete man uns ein großes und ausgiebiges Buffet aus typisch afrikanischen Speisen vor. Als Küche diente auch bei unserer Gastfamilie eine Feuerstelle im Hinterhof. Eine solche Gastfreundschaft, Demut und Lebensfreude wie wir im Kongo erfahren haben, sucht man in Deutschland häufig vergebens. Überall wird getanzt, gesungen und gefeiert. Und dass die Kinder unserer Gastfamilie sich in den restlichen Schlafräumen beinahe stapelten, damit wir es möglichst bequem hatten, hat mich auch sehr gerührt.

Schulen im Kongo

Die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen im Kongo verdeutlichten mir auch zwei Ausflugstage, bei denen wir soziale Projekte in und rund um Goma kennenlernten, die von der lokalen Kirche geleitet werden.

So besuchten wir verschiedene Schulen, denen es teilweise an allem fehlte – Sitzgelegenheiten, Tafeln, wasserdichte Dächer, sowie Schulbücher. Umso erstaunlicher, wie viele Kinder hier dennoch den landesweiten Schulabschluss schaffen. Diese kleinen Lichtblicke gaben auch mir Hoffnung. Schön war es ebenso zu sehen, wie die Hilfseinsätze von Kirche in Aktion der vergangenen Jahre Früchte trugen. So besuchten wir eine Schule, in der von unseren Vorgängern Schulbänke gebaut wurden und eine andere, die für weiterführende Schüler einen eigenen PC-Raum durch Spenden eines Hilfsteams anbieten konnte.

Aber vor allem die unermüdlichen Geduld und das liebevolle Engagement der Lehrer und der kongolesischen Kirche als Träger der Schulen haben mich zutiefst bewegt. Sie sind es, die den Kindern mit allen Kräften und trotz begrenzter finanzieller Mittel Bildung vermitteln. Denn nur mit Bildung schafft man es aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen.

Die Waisenkinder von Nzulo

Besonders eindrücklich war der Besuch einer Schule in einem Nzulo-Dorf. Der Begriff Nzulo stammt aus einer der alten Stammessprachen des Landes und heißt übersetzt so viel wie “Rastplatz”. Früher eine Art Oase zum Rasten, ist es nun für viele Bauern zum festen Wohnsitz geworden.

Dieses Dorf liegt in der Region Nord-Kivu rund eine Stunde außerhalb der Stadt Goma. Es wird regelmäßig Opfer von Rebellengruppen und Plünderern. Die Bewohner sind deutlich ärmer und sie leben einfacher als die Stadtbewohner. Eine Vielzahl der Einwohner machen die Waisenkinder aus, die teils von entfernten Familienmitgliedern, teils von der gesamten Dorfgemeinschaft mitaufgezogen werden. Hier habe ich das erste Mal im Kongo Kinder mit unterernährtem, dicken Bauch gesehen.

Der Weg in dieses Dorf allein war schon ein echtes Abenteuer: Mit 20 Personen in einem Kleinbus, der für maximal 12 Personen Plätze vorgesehen hat, durch die Prärie. Fahrend über unbefestigte Straßen mit vielen Schlaglöchern wurden wir durchgeschüttelt und das bei der Sommerhitze…ich denke ihr könnt es euch vorstellen.

Beten für die Waisenkinder

Bei der Ankunft versammelten wir uns in der Hütte, die als Kirche fungierte. Dort wurden wir von den Dorfältesten und rund 30 Waisenkindern erwartet. Bevor wir die Schulräume besuchten, schilderte man uns die Notlage dieser Waisen, denen nur mit Unterstützung zu ihrem Recht auf Bildung verholfen werden könne. Dann bat man uns – ich hatte ja schon im ersten Teil meines Beitrags erzählt, wie gläubig die Kongolesen sind – für die Waisenkinder zu beten. Die Kinder stellten sich vor uns auf und blickten uns während des Gebets erwartungsvoll an. Es waren Kinder, mit denselben Hoffnungen und Wünschen wie überall sonst auf der Welt. Die in die Schule gehen, Freunde treffen und sich eines Tages verlieben wollen und die dennoch viel mehr für ihr Glück kämpfen müssen. 

Das ist ein Bild, das mir wahrscheinlich niemals aus dem Kopf gehen wird: 30 hoffnungsvolle und doch traurige Kinderaugen, die vor dir stehen, deine Sprache nicht verstehen und die gebannt deinen Worten lauschen, die den Kindern eine bessere Zukunft wünschen.

Bildung für 50 Euro im Jahr

Die dortige Schule wird von der Kirchengemeinde in Goma unterstützt, mit der wir auch beim Krankenhausprojekt eng zusammengearbeitet haben. Das Schulgeld liegt – für die Kinder, deren Eltern noch leben – bei ca. 50 Euro im Jahr. Dieser Betrag ist notwendig, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten und gleichzeitig den vielen Waisenkindern ebenfalls einen Schulbesuch zu ermöglichen. Rund 200 Schüler – davon 60 Waisen – gehen in drei winzigen Klassenräumen zum Unterricht.

Die Räume, nicht mehr als Holzverschläge, notdürftig mit Brettern zusammengehalten, sind nicht einmal mit einem Minimum ausgestattet. Die Kinder sitzen auf dem häufig matschigen Lehmboden, es gibt keine Bänke oder Tische und die Schulbücher fielen regelrecht auseinander. Lichteinfluss erfolgte nur durch die Tür und einen Spalt zwischen Dach und Decke. 

Als wir im Sommer dort waren, gab es bei 200 Kindern nur 42 zahlende Eltern. Denn unter den Schülern gibt es neben den Vollwaisen auch viele Halbwaisen und Kinder, deren Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können. Da die Schule in einem solch schlechten Zustand ist, schicken immer mehr Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder in die etwa ein Kilometer entfernte katholische Schule, die 45 Dollar im Halbjahr kostet. Ohne die Unterstützung der Kirche in Goma, hätte der Schulbetrieb schon längst eingestellt werden müssen.

Umso beeindruckender ist es, dass trotz der schlechten finanziellen und baulichen Umstände, im letzten Jahr sieben von neun Schülern den Grundschulabschluss (Vollendeung der sechsten Klasse) schafften. Dieses Jahr bietet die Schule sogar erstmals eine Klasse für die weiterführende Schule an. Vor einigen Wochen erreichte mich von einem Freud aus Goma ein Bild von einer weiteren Schulklasse. Auch in diesem Jahr sind die nötigen finanziellen Mittel zusammen gekommen, um einer neuen Generation Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Sich nicht unterkriegen lassen und anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, zu improvisieren, nicht nur zu planen sondern einfach mal machen – das sind Eigenschaften, die uns die Afrikaner weit voraushaben. Denn in Afrika sieht man nicht nur Probleme, man löst sie. Und man lebt von einem ausgeprägten Pragmatismus: was nicht passt, wird passend gemacht, egal ob auf einer Baustelle, in einer Schule oder bei den begrenzten Plätzen in einem Kleinbus.

Die vergessenen Kinder

Kindersoldaten gibt es im Kongo keine mehr. Zumindest laut amtlichen Angaben der dortigen Regierung. Seit offiziellem Kriegsende im Jahre 2012 wird ihre Existenz einfach verleugnet. Hunderttausend Kinder, die noch heute verschleppt, vergewaltigt und als Tötungsmaschinen missbraucht werden – einfach vergessen. Dass es sie aber tatsächlich gibt, davon konnten wir uns bei einem Besuch in einem Resozialisationszentrum für geflüchtete Kindersoldaten selbst überzeugen. Niemals hat mich etwas mehr bewegt, als die tragischen Geschichten der Mädchen und Jungen, die verlernt haben, Kinder zu sein. Sie wünschen sich nur, wieder zurück zu ihren Familien zu finden.

Singend wurden wir von den Kindersoldaten und ihren Betreuern empfangen. Im ersten Moment gaben sie ein surreales Bild für mich ab: Kinder, die gemordet haben, standen gemeinsam im Kreis und sangen friedliche Kinderlieder auf Suaheli. Und doch ist es genau das, was ihre Seelen am meisten brauchen: Frieden, Struktur und sich ihres Alters entsprechend verhalten zu dürfen.

Das Camp heißt jour/pami und wird geleitet von UNICEF in Kooperation mit der Kirche des Nazareners (unserem Partner vor Ort). Angestellt sind dort Sozialpädagogen, Psychologen und Geistliche. Die Kinder, teils von den Rebellengruppen geflohen, teils in Verhandlungen freigekauft, werden dort für drei bis maximal sechs Monate resozialisiert. Die Kinder wohnen bei Gastfamilien und verbringen ihre Tage im Camp bei Therapie, Spiel und Musik, die Jüngeren erhalten dort auch Schulunterricht.

Ziel ist es, ihre Eltern ausfindig zu machen und die Familien wieder zu vereinen. Überrascht war ich, als ich hörte, dass eine solche Familienzusammenführung – zumindest bei den Jungs – häufig sehr erfolgreich ist. Traurig, aber weniger überraschend ist dagegen die Tatsache, dass staatliche Förderungen für solche Projekte landesweit vor Jahren eingestellt wurden.

Schicksalsgeschichten der Kindersoldatinnen

Nach dem gemeinsamen Lied zogen wir Frauen uns mit den Mädchen, und die Männer mit den Jungs zurück. Teil ihrer Bewältigungstherapie ist es, über ihre Traumata zu sprechen. Und so erfuhren wir, wie aus Kindern versklavte Soldaten wurden.

So hatte ein 17-jähriges Mädchen einen vier Jahre alten Sohn – gezeugt und geboren in der Gefangenschaft. Mit 12 ist sie mit einer Freundin Wasser holen gegangen, als sie von Rebellen angegriffen und verschleppt wurden. Ihre Freundin weigerte sich mitzukommen, woraufhin ihr vor den Augen des anderen Mädchens die Kehle durchgeschnitten wurde. Das Mädchen war daraufhin starr vor Angst und ging ohne weiteren Widerstand mit den Soldaten mit. Im Rebellen-Camp angekommen, stellte man sie vor die Wahl – entweder sie böte ihren Körper an oder sie gehe mit plündern und töten. Es handelte sich dabei aber um keine echte Wahl – die einzige Entscheidung, die sie dabei treffen konnte, war es was man ihr zuerst antat: Vergewaltigung oder der Zwang zu Töten. 

Die Geschichten der anderen Mädchen erzählen ähnliche Schicksale. Eine Geschichte war grausiger als die nächste: Vom Marktstand entführt, von den Eltern verkauft, drogen- und alkoholabhängig und damit gefügig gemacht. Sogar „Verhütungsmittel“ wurden den armen Mädchen eingepflanzt – völlig unhygienisch im Dreck und Staub.

Der größte Wunsch der meisten Mädchen war das große Wiedersehen mit der Familie und ein kleines eigenes Geschäft, um den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Beides ist bei ihnen nicht ganz einfach zu realisieren. Für viele Dorffamilien sind die Töchter „entehrt“, da sie keine Jungfrauen mehr sind, die man verheiraten kann. Da die Mädchen in den wichtigen Schuljahren in Gefangenschaft lebten, fehlt ihnen häufig die nötige Bildung um ein Geschäft zu führen. Viele können nicht einmal richtig lesen und schreiben. Leider gäbe es, so berichtete uns der Sozialarbeiter, immer wieder Mädchen, die keinen anderen Ausweg sähen, als sich in Prostitution zu begeben oder in die Rebellengruppen zurückzukehren. Es ist das Leben, das ihnen am vertrautesten ist.

Zum Abschluss unseres Besuches kamen alle Kinder wieder in dem Kreis zusammen und wir sangen gemeinsam ein von uns mitgebrachtes Kinderlied mit Bewegungen. Das war ihr Wunsch an uns – ein friedliches Auseinandergehen mit Tanz und Gesang. Für einen ganz kurzen Moment konnten sie wieder das leben, was man ihnen geraubt hatte: ihre Kindheit. 

Kulturschock Ruanda – Afrika light

Es gäbe noch so viele Geschichten und Momente aus Goma, die berichtenswert wären. Leider würde dies hier völlig den Rahmen sprengen. Aber über eins MUSS ich dann doch noch berichten: Ruanda – die Schweiz Afrikas.

Wir reisten nicht direkt in die DR Kongo ein, sondern flogen über Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. Hier verbrachten wir unsere erste Nacht auf afrikanischem Boden, bevor wir tags darauf die fünfstündige Überlandfahrt nach Goma antraten.

Ruanda ist vielleicht vielen noch ein Begriff: In den 1990ern erschütterte ein schlimmer Genozid die Weltgemeinschaft. Innerhalb nur weniger Wochen tötete die eine Bevölkerungsgruppe die andere – wer keine Waffen zur Hand hatte, bediente sich Mistgabeln, Ästen oder Feuer. Aus Nachbarn wurden Feinde, ganze Kirchen, in die sich Menschen geflüchtet hatten, wurden angezündet, Babys ertränkt. Die Weltgemeinschaft griff viel zu spät ein. Eine Millionen Menschen verloren ihr Leben, viele flüchteten in die Nachbarstaaten wie den Kongo, wo viele noch immer in Flüchtlingssiedlungen bzw. Slums hausen.

Die letzten 20 Jahre investierten UN, WHO, Weltbank, Staaten und viele NGOs Unmengen an Gelder in den kleinen zentralafrikanischen Staat – mit unglaublichem Erfolg. Auch der Wille der Ruandesen, die Vergangenheit zu überwinden und die Zukunft erfolgreich zu gestalten, ist Teil dieses Erfolgs. 

Mittlerweile nennt man Ruanda die Schweiz Afrikas. Es hat die geringste Korruptionsrate Afrikas. Für kein Kind darf der Schulweg weiter sein als 1,5 Meilen. Regelmäßig finden Dorfgemeinschaftstreffen statt, um Probleme gemeinsam zu lösen und die ehemals verfeindeten Bevölkerungsgruppen miteinander zu versöhnen. Kigali selbst ist beinah europäischer, zumindest aber nordafrikanischer Standard, mit Hotels, Bars und Restaurants. Wir scherzten bei unserer ersten Nacht im Hotel, dass dies hier wohl „Afrika light“ sei – wir behielten Recht.

Afrikanische Kuriositäten

Und dennoch ist auch Ruanda typisch Afrika: mit vielen Kuriositäten und Sonderbarkeiten. Wisst ihr zum Beispiel, wie die Polizei bemisst, ob ein Auto zu schnell gefahren ist? Sie hält einen Fahrer an und misst die Temperatur des Motors – ist er zu heiß, muss das laut afrikanischer Logik bedeuten, dass der Fahrer zu schnellen Fußes, bzw. Rades unterwegs war – ungeachtet dessen, dass steile oder kurvenreiche Strecken ebenfalls einen Motor warm laufen lassen.

Ein anderes Beispiel ist die Grenzkontrolle vom Kongo zurück nach Ruanda, die völlig planlos und unstrukturiert war und 2,5 Stunden andauerte. An der ersten Schlange gab man seinen Pass ab und erhielt an seiner statt einen handgeschriebenen Zettel – teils standen dort unsere Vor-, teils unsere Nachnamen drauf. Mit diesem Zettel stellten wir uns dann in eine andere Schlange, um das Transit Visum zu bezahlen. Der Grenzbeamte hatte auch hier die Ruhe weg, dann fiel auch noch der Drucker aus. Schließlich wanderten wir wieder zur vorherigen Schlange, damit der erste Grenzbeamte nun die gekauften Visa in unsere Pässe einkleben konnte.

Allerdings ist das nichts im Vergleich zu der kongolesischen Grenzseite. Hier wurde uns, um Gelbfieber auszuschließen von drei Meter Entfernung Fieber mit einem Thermometer gemessen, das für valide Aussagen eigentlich direkt an die Haut gehalten werden muss. Die bei mir gemessenen 32 Grad entsprachen wohl eher der Außentemperatur – unterkühlt war ich jedenfalls nicht…

In unserer letzten Nacht in Afrika übernachteten wir wieder in Ruanda, genauer gesagt in der Kleinstadt Musanse, nördlich des Kivu-Sees. Uns kam es so vor, als betraten wir nach knapp zehn Tagen „Wildnis“ wieder Zivilisation: Das erste Mal warmes Wasser aus dem Wasserhahn, Pancakes und Kaffee zum Frühstück – himmlisch! Dinge, die ich hier in Deutschland als selbstverständlich betrachte, lernte ich wieder wertschätzen.

Ein besonderes Highlight für unsere Gruppe war unser Ausflug in den, an Musanse grenzenden “Vulcano National Park”, bei dem wir nach einer erholsamen Nacht im Hotel eine Wandertour machten und Golden Monkeys hautnah beobachten konnten. Ein krönender Abschluss unserer Reise, bevor wir über Kigali zurück nach Deutschland flogen.

Fortsetzung folgt?

Auch im kommenden Jahr wird wieder ein Team in den Kongo fliegen. Auch ich überlege wieder mitzukommen, denn ich kann nicht nur auf tiefe Erfahrungen und Erlebnisse zurückblicken – ich habe in meinem Team auch wahre Freunde gefunden.

Im kommenden Jahr soll der Bau des Krankenhauses weiter vorangetrieben werden und auch ein Programm zur Unterstützung der Kindersoldaten wird es wohl geben. Die größte Sorge für unser Projekt, vor allem aber für die Menschen vor Ort, ist der aktuelle Ebola-Ausbruch in der Region. Bereits mehrere Hundert Menschen sind an dem Virus gestorben. Die Bauarbeiten kommen nicht voran, denn Materialien aus dem Umland von Goma zu erhalten ist nun fast unmöglich. Auch die Ärzteteams können aktuell nicht nach Goma reisen, ohne ihre eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Dabei ist es genau das, was die Menschen dort am nötigsten brauchen: eine funktionierende und bezahlbare Gesundheitsversorgung. Nur so können Epidemien verhindert oder zumindest eingedämmt werden.

Kirche in Aktion unterstützt weiterhin nachhaltig das Krankenhausprojekt, die Waisenkinder und auch die Kindersoldaten weiter. Dafür ist die Organisation auf Spenden angewiesen. Guten Gewissens kann ich versichern: das Geld kommt genau da an, wo es hin soll!

Mehr Infos

  • Spenden

    Kirche in Aktion e.V.
    IBAN: DE84520604100004004787
    BIC: GENODEF1EK1
    Evangelische Bank
    Verwendungszweck Kongo

  • Wichtige Tipps

    • Malariaprophylaxe ist zwingend notwendig
    • Der Kongo ist kein Touristenort – man sollte nicht auf eigene Faust und ohne Polizeischutz durch die Gassen schlendern
    • Da es kein sauberes Leitungswasser gibt, wird man während seines Aufenthaltes nach westlichen Standards nie richtig sauber – aber so ergeht es auch den Teammitgliedern, also kein Grund für zusätzlichen Angstschweiß
    • Die Bevölkerung ist sehr konservativ. Öffentlicher Alkohol- und Nikotinkonsum wird nicht gerne gesehen
    • Ebenso sollte die Kleidung vor allem bei Gottesdiensten und öffentlichen Veranstaltungen geschlossen, dezent und dennoch „schick“ sein.
    • Ich empfehle jedem die Einreise über Kigali / Ruanda – der Flughafen in Goma ist sehr klein, die Grenzbeamten korrupter als ihre ruandischen Kollegen.