Im Interview: Miriam Spies

Autorin des Marokko-Abenteuers “Im Land der kaputten Uhren”

Interview Miriam Spies

Portraitfoto: Nora Scheffel

November 2019, Tamraght, Marokko

Ausgepowert aber tiefen entspannt und glücklich fläze ich auf der Dachterrasse. Von meinen Haarspitzen tropft Salzwasser auf die bunten Kissen. Die Sonne taucht die trockene Landschaft in ein goldenes Licht und es wird langsam frisch hier oben. Kurz knackt und knarzt es und dann erfüllt auch schon der Gesang des Muezzin die Bucht. Nur die Ziegen meckern mit ihm um die Wette. Der Kanon Marokkos. 

Es ist das erste mal für mich – nicht nur in Marokko, auch in Afrika. Schon so lange will ich hierher und aus einer spontanen Laune heraus buchte ich mir dieses Jahr zum Geburtstag Flüge nach Marokko. Seit langem mal wieder ohne Reisebegleiter – zur Sorge von Familie und Freunden. Aber warum denn auch nicht? Haben ja schon viele vor mir gemacht.

Eine von ihnen ist Miriam Spies. Als ihr in Deutschland die Decke auf den Kopf fällt, flüchtet sie zu ihrem Sehnsuchtsort Tanger im Norden Marokkos. Von hier aus entwickelt sich ein Roadtrip mit alten Bekannten, neuen Freundschaften, herzlichen Begegnungen und schrägen Erlebnissen über die sie einen Roman mit dem Titel “Im Land der kaputten Uhren” geschrieben hat.

Noch während ich in meiner behüteten Surf-Familien-Blase an der marokkanischen Küste sitze, tauche ich ein ins trubelige Marokko und lasse mich von ihr mitnehmen zu einem Abenteuer. Ich bin live dabei, wenn sie mit zwei fremden Marokkanern durch die Nacht fährt und lerne durch ihre Augen Land und Leute kennen. Ich finde Antworten auf meine Fragen zur Kultur und entdecke sogar Fragen, die ich mir noch gar nicht gestellt hatte. 

Lesen in Marokko

In Marokko liegt vielleicht kein Geld auf der Straße. Aber dafür lauern die kleinen Wunder des Lebens hinter jeder Ecke. Die marokkanische Art von Wunder, die Zigarettenpapier in Schmetterlinge verwandelt, die einen über Stunden verzaubern können. Nicht die deutsche Art von Wunder, die wumms, Deus ex Machina, mit großem Getöse inszeniert werden muss, weil das Quäntchen Wunder, das einem als Kind ausreichte, um einem ein aufrichtiges Staunen zu entlocken, längst von einer ganzen Wunderfabrik abgelöst wurde, die überboten werden will für ein Quäntchen Staunen.

Auszug aus “Im Land der kaputten Uhren”

Meine Erlebnisse und Eindrücke in Marokko sind zwar eine andere Geschichte, doch soviel kann ich schon verraten: in Marrakesch habe ich das Beweisfoto für den Titel des Buchs geschossen. Marokko ist in der Tat das Land der kaputten Uhren!

Marokko Das Land der kaputten Uhren

Hallo Miriam – schön, dass du da bist! Erzähl doch mal kurz wer du bist und was du machst.

Mein Name ist Miriam Spies. Ich bin 1982 in Mainz geboren, wo ich auch lebe. Studiert habe ich Germanistik, Kulturanthropologie und Buchwissenschaft. Seit 2007 betreibe ich einen kleinen Belletristik-Verlag, den gONZoverlag.

2017 erschien mein erstes Buch, eine autorisierte Bandbiografie der Band „Deutsch Amerikanische Freundschaft“. 2019 erschien mein Reiseroman „Im Land der kaputten Uhren“. Kurz: Beruflich beschäftige ich mich mit Wörtern, Sätzen und Geschichten – sowohl im fiktionalen als auch im nichtfiktionalen Bereich.

Was hat dich zu dem Marokko-Abenteuer gebracht?

Mich hat im Speziellen Tanger, die weiße Stadt im Norden Marokkos, angezogen. Tanger ist seit jeher ein Künstler-Mekka. Schon Hans Christian Andersen war hin und weg von der alten Hafenstadt und deren Geschichtenerzählern. Aber auch die Werke von Henri Matisse sind stark geprägt von seiner Zeit dort.

Etliche Musiker wie beispielsweise Brian Jones von den Rolling Stones waren völlig vereinnahmt von dieser sonderbaren Stadt. Die amerikanische Beatgeneration nicht zu vergessen, für die Tanger als (literarischer) Sehnsuchtsort galt.

Vor allem in der Zeit als Internationale Zone zwischen 1923 und 1956 gaben sich dort hochrangige Diplomaten, Agenten, Piraten, Schmuggler, Prostituierte und Homosexuelle aller Herren Länder die Klinke in die Hand. Sie alle haben ihre Spuren dort hinterlassen und der Stadt den Anstrich einer verruchten Diva verliehen, der ihr noch heute anhaftet. Das hat mich unglaublich fasziniert – und tut es auch heute noch.

Wie hast du das Reisen allein als Frau in Marokko empfunden?

Ich war vorher schon zweimal in Marokko, jeweils in Begleitung einer Freundin. Insofern hatte ich bereits eine Vorstellung davon, wie es sein würde, sich als Frau durch dieses Land zu bewegen. Es ist kein marokkanisches Phänomen, dass einem Männer auf der Straße nachpfeifen oder einen ansprechen. Das kann manchmal nerven, klar. Lässt sich aber auch relativ gut ignorieren.

Davon abgesehen habe ich sehr wenige schlechte Erfahrungen gemacht. Vor allem keine, die ich in Deutschland nicht auch schon gemacht hätte. Die Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, waren meist in meinem Alter. Und die haben mich (ebenso wie Marokkanerinnen) immer sehr zuvorkommend und respektvoll behandelt.

Was hat dich auf deiner Reise am meisten überrascht?

Am meisten überrascht hat mich die unglaubliche marokkanische Gastfreundschaft. Die hat es mir ziemlich einfach gemacht, mich durch dieses teils sehr fremde Land zu bewegen. Man kommt schnell ins Gespräch, findet schnell Anschluss und bekommt bei nahezu allen Problemen geholfen.

Natürlich muss man ein bisschen aufpassen, in welcher Gesellschaft man sich bewegt. Jedem sollte man nicht vertrauen. Aber das ist überall so: Menschenkenntnis und Intuition sind absolut wichtig, wenn man alleine reist. Andersrum: Alleinereisen ist eine unglaublich gute, wenn auch manchmal harte Schule in Dingen Menschenkenntnis und Intuition.

Was war der schönste Moment?

Der schönste Moment war ein recht unspektakulärer. Ich saß im Auto von (marokkanischen) Freunden. Es war schon dunkel. Wir fuhren durch Rabat. Regen trommelte zwischen die sich rhythmisch bewegenden Scheibenwischer. Aus den großen Boxen im Kofferraum wummerte basslastiger Soul. Keiner von uns sagte etwas. Zwischen uns lag ein Schweigen, das alles andere als beklemmend war. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir einfach die ganze Nacht lang so weiter gefahren.

Worin liegt für dich der größte Unterschied zwischen Deutschland und Marokko?

Ein ganz großer Unterschied liegt für mich in der Gastfreundschaft und im Teilen von allem. Ich glaube, es wäre wesentlich komplizierter, als Marokkanerin quer durch Deutschland zu reisen. Ich vermute, man würde deutlich seltener von Fremden zum Essen eingeladen werden oder bekäme Schlafplätze überall in der Republik vermittelt. Es würde sich auch kaum einer so viel Zeit nehmen, einer Fremden Deutschland zu zeigen.

Das hat natürlich Gründe, die ich zu verstehen glaube – ein großer Unterschied ist es trotzdem. Ein anderer großer Unterschied ist es, dass in Marokko vor allem politische Themen nicht im öffentlichen Raum angesprochen oder diskutiert werden. Das war für mich sehr befremdlich, immer darauf achten zu müssen, was man sagt oder (hinter-)fragt.

Ohne zu viel verraten zu wollen: auf deiner Reise läuft nicht alles rund und am Ende klingt es nicht so, als würdest du so schnell wieder hinreisen.

Wie stehst du heute zum Land und deiner Reise?

Dass nicht alles rund lief, lag in den meisten Fällen mehr an mir als an Marokko. Oder eben an der natürlichen Reibung, die entsteht, wenn fremde Kulturkreise aufeinandertreffen. Aber diese Reibung ist ja genau das, was spannend ist. Die könnte man umgehen, wenn man sich für einen hermetischen Cluburlaub in Marokko entscheiden würde. Da bleibt einem dann jede Menge „erspart“ – im positiven, aber eben auch im negativen Sinne.

Fehltritte, Scheitern und Misserfolge gehören für mich zu Lernprozessen dazu. Und im besten Fall ist eine Reise genau das: Ein Lernprozess. Etwas, woran man wächst, wobei sich der eigene Horizont erweitert, sich der Blick an Unbekanntem abarbeitet und daran schärft. Man erfährt viel über fremde Kulturen, deren Geschichte und Bräuche – aber eben auch über sich selbst. Insofern habe ich weder Marokko noch mir diese Reise übelgenommen und war seitdem jedes Jahr mindestens einmal wieder dort.

Welche Erkenntnis hast du aus deiner Marokko-Reise gezogen?

„Travel the moroccan way!“ habe ich als Erkenntnis aus dieser Reise mitgenommen. Nicht nur wörtlich auf das Reisen bezogen, sondern auch sprichwörtlich, also in Bezug auf die „Lebensreise“, auch wenn das jetzt vielleicht etwas kitschig klingt. Mehr Gelassenheit, mehr Ruhe, mehr Flexibilität, mehr Spontaneität. Auch mal rechts und links abseits des eigentlichen Wegs gucken, was da los ist. Und sich öfter mal von Zielen abbringen lassen. Sich absichtsvoll verlaufen. Sich selbst nicht so wichtig nehmen.

John Lennon hat mal so schön gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst.“ Für mein Empfinden sind Deutsche eher auf die Pläne fixiert – und Marokkaner mehr auf das Leben. Nicht umsonst lautet ein marokkanisches Sprichwort: „Das Geheimnis das Lebens ist: das Leben.“ Und eben nicht: „Das Geheimnis des Lebens sind: Pläne.“ Seit Marokko achte ich bewusster drauf, die Pläne nicht über das Leben zu stellen.

Wo geht die nächste Reise hin und wieso dorthin?

Vermutlich nach Marokko. For so many reasons.

Miriams Lieblingsecken in Tanger

– Das Café Tangier Moments

– Das Gran Café de Paris

– Der Musikkeller Dar Gnawa

– Die phönizischen Gräber

– Die Buchhandlung Librairie des Coloness

– Der Bab el Assa

– Das Cinema Riff

– Charf Hill

– Der Instrumentenbauer Chez Gnawa

Das Buch Im Land der kaputten Uhren

Miriams Roman “Im Land der kaputten Uhren” habe ich gelesen und kann es absolut empfehlen!

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Vielen Dank an Conbook für das Rezensionsexemplar! 

Auch im Conbook-Verlag erschienen: “Boarderlines” von Surfer Andreas Brendt und “Die Wellenbrecher” von Christopher David. 

Eine Leseprobe zum Roman “Im Land der kaputten Uhren” findest du übrigens hier bei Conbook. Mehr zu Miriam Spies erfährst du auf ihrer Webseite
 
Im Land der kaputten Uhren

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