Kambodscha, das Land der Gegensätze
– Ein Fazit –

 
Kambodscha war das dritte und letzte Land unserer Backpacking-Route und uns blieb dort leider nicht mehr so viel Zeit. Insgesamt haben wir zwar immerhin noch knappe 10 Tage in diesem Land verbracht, allerdings waren wir die überwiegende Zeit hiervon auf der Insel Koh Rong Samloem. Die Eindrücke des Landes „beschränken“ sich daher auf Siem Reap und die Tempel Angkors, die Hauptstadt Phnom Penh, die Küstenstadt Sihanoukville und das Paradies Koh Rong Samloem. Auch wenn wir auf dem Weg zur Insel kurz wehmütig wurden, dass wir „typischere“ Ort wie Kampot oder Battambang nicht mehr besucht hatten, stellte ich rückblickend fest, dass ich trotzdem mehr über Land und Leute zu erzählen hatte, als gedacht. Und gerade bei unserer Reiseziel-Auswahl wurde uns klar: Kambodscha ist das Land der Gegensätze.
Von alten Tempeln und Dschungel, über Großstadt mit Palästen und Pagoden bis hin zur paradiesischen Insel war alles dabei. Doch nicht nur beim Sightseeing stößt man auf gegensätzliche Bilder…

Geschichte: Vom stolzen Khmer-Königreich zum „Steinzeitkommunismus“
Jeder kennt ihn – den größten Tempelkomplex der Welt: Angkor Wat. Vor ca. tausend Jahren war dort, wo heute täglich massenweise Touristen durchtrampeln (wobei eigentlich wird man ja eher hindurch-chauffiert), der Mittelpunkt des riesigen Khmer-Reiches, das sich über große Teile Südostasiens erstreckte. Doch nach dem letzten großen König, unter dessen Herrschaft die „Große Stadt“ Angkor Thom entstanden war, wurden die Gebiete des heutigen Kambodschas Stück für Stück von den Nachbarländern Thailand und Vietnam zurückerobert und besiedelt, bis es sich irgendwann selbst unter den Schutz Frankreichs stellte.
Blöd nur, dass bei so einem „Deal“ schnell die Unabhängigkeit flöten geht – im Fall Kambodscha dann auch erstmal für beinahe hundert Jahre. Gerade hatte man sich (ausgerechnet durch die Verbündung mit Vietnam) von Frankreich losgesagt und unter Sihanouk eine Regierung aufgebaut, wurde diese bereits wieder im Zuge des Vietnam-Kriegs gestürzt und der federführende General Lon Nol rief als Präsident die „Republik Khmer“ aus. Dieses Ereignis zog drei Jahre Guerillakämpfe nach sich und endete letztendlich in der Machtergreifung der Roten Khmer.
Während im Rest der Welt Apple und Microsoft gegründet wurden und die ersten VW Golfs auf den Markt gingen, wurde Kambodscha unter Pol Pot zu einer Rückwärts-Entwicklung zur kommunistischen Agrarwirtschaft gezwungen. Die „Bourgeoisie“ sollte abgeschafft werden und so wurden Intellektuelle (die Definition war damals etwas „großzügiger“: es reichte womöglich schon, wenn man lesen konnte oder Brillenträger war) in Vernichtungslagern gefoltert und ermordet, ebenso die gesamte Familie – denn man durfte ja niemanden zurücklassen, der sich womöglich rächen würde. Religionsausübung war verboten und sämtliche Menschen wurden aus den Städten deportiert und auf die Felder gezwungen, wo sie arbeiten mussten, bis sie an Erschöpfung starben und damit den „Killing Fields“ ihren Namen gaben.
Letztendlich war es erneut Vietnam, das Kambodscha „half“ – auch wenn das Land dadurch nur wieder einmal seine Unabhängigkeit einbüßte. Erst zur Jahrtausendwende schaffte es Kambodscha mit Hilfe der UN, sich von politischer Abhängigkeit und den Roten Khmer zu befreien und erstmalig Wahlen durchzuführen.

 
Geld
Die Tage in Kambodscha haben unsere Reisekasse tatsächlich am meisten beansprucht. Essen war dort wesentlich teurer als zuvor in Vietnam oder Myanmar und vor allem die Eintrittspreise waren sehr hoch.
Gleichzeitig ist Kambodscha aber das ärmste Land Südostasiens – sogar noch ärmer als Myanmar.
In den Touristen-Hochburgen Siem Reap und Sihanoukville kann man der Armut vielleicht mit Scheuklappen aus dem Weg gehen, doch vor allem in der Hauptstadt Phnom Penh begegnet man ihr – ob man will oder nicht.
Rund um den Nachtmarkt campieren zahlreiche Familien auf dünnen Matten und es wird sehr viel mehr gebettelt. Besonders krass und unangenehm war für uns eine Situation im Tuk Tuk, während wir darauf warteten, dass die Ampel grün wurde. Unser Fahrer drehte sich herum und wollte uns unbedingt eine weitere Tour andrehen. Während er beinahe darum bettelte und uns erklärte, er müsse doch irgendwie seine Familie ernähren, kam ein kleiner Junge angelaufen und setzte sich auf die Kante des Tuk Tuks. Ohne etwas zu sagen sah er uns nur stumm an, hielt seine Hände auf und verharrte eine gefühlte Ewigkeit. Als sich dann auch noch von der anderen Seite ein Kind näherte wurde die Ampel zum Glück wieder grün.
Übrigens: Was das Geld angeht, so hat sich Kambodscha nach Frankreich und Vietnam in die nächste „Abhängigkeit“ begeben, denn die eigene Währung wird quasi nicht mehr genutzt. Stattdessen sind sämtliche Preisangaben, ob im Restaurant, Hotel oder Straßenstand in Dollar. Wir, die in „alter Gewohnheit“ am Flughafen erstmal einen Batzen der neuen Währung abgehoben hatten (die sehr an Monopoly-Geld erinnert…), mussten teilweise richtig verhandeln um die unbeliebten Riel loszuwerden…

 
Kommunikation
Am erstaunlichsten ist allerdings, dass die Menschen, die wir in Kambodscha trafen, wesentlich fitter in der englischen Sprache waren, als die in Vietnam oder Myanmar. In Vietnam haben wir zwar einige Angehörige der Tourismusbranche kennengelernt, die wirklich sehr gutes Englisch sprachen, dafür verstand aber der überwiegende Teil kaum bis gar kein Englisch.

Die wohl skurrilste – beinahe slapstickartige – Situation zum Thema Verständigungsproblemen hatten wir übrigens nicht etwa auf dem Land, sondern mitten in Hanoi, als wir unsere Rechnung in einem Café bezahlen wollten. Die arme Kellnerin verstand uns leider überhaupt nicht und offenbar verunsicherte sie diese Situation dermaßen, dass sie auch komplett auf dem Schlauch stand und unsere wilden Gesikulationen (wir zeigten auf unseren Kassenbeleg, der bereits in einem kleinen Regal unter unserer Tischnummer auf Bezahlung wartete) nicht verstand. Wie bei einem komplizierten „Activity“-Begriff versuchten wir mit Händen und Füßen (ich war wirklich schon drauf und dran über den Tresen zu hopsen) unser Anliegen zu erklären, bis ihr irgendwann, nachdem die imaginäre Sanduhr gefühlt 5 Mal abgelaufen war, ein Licht aufging.
Auf die Idee, es einfach mal in Google-Translator einzugeben, kamen wir in diesem Moment übrigens nicht, aber dann wäre uns auch diese wirklich witzige Situation durch die Lappen gegangen.
Doch gerade in Kambodscha – einem Land, in dem man vor vierzig Jahren für diese Fähigkeit noch getötet wurde – überraschten uns vor allem die Taxi- und Tuk Tuk Fahrer mit sehr gutem Englisch.
Dieses Phänomen spiegelt allerdings nicht das Bildungsniveau Kambodschas wieder, denn es ist nach Laos in Südostasien das Land mit der höchsten Analphabetenrate. Wahrscheinlich ist die Tourismusbranche dort aber oft die beste Möglichkeit Geld zu verdienen, so dass der Stellenwert der englischen Sprache wohl wesentlich höher ist, als der Fähigkeit Lesen und Schreiben zu können…

 

Sextourismus
Die Fähigkeit Englisch zu sprechen, ist dabei leider nicht das einzige um das es dort geht.

Prostitution ist in Kambodscha zwar gesetzlich verboten – doch wie das nunmal mit gesetzlichen Verboten so ist, bedeutet das nur, dass es eben „unter der Hand“ geschieht. Wer jetzt glaubt, dass diese Gewerbe irgendwo versteckt vor sich gehen, liegt leider völlig falsch. In Phnom Penh stolperten wir zufällig mitten in ein Rotlichviertel hinein und auch auf dem Nachtmarkt in Siem Reap wird mit Sicherheit nicht nur Fisch- und Fußmassage angeboten.

Doch einmal abgesehen vom klassischen Sexgewerbe lebt in Sihanoukville das echte Klischee des Europäers, der seinen Lebensabend am asiatischen Strand in netter Begleitung verbringt. Vor allem in Sihanoukville war das die mit Abstand am häufigsten angetroffene Kombination auf den Straßen und in Restaurants. Bei diesem „Deal“ geht es zwar wohl um mehr als nur Körperliches, dennoch ist es irgendwie befremdlich, dem so offenkundig und in dieser Häufigkeit zu begegnen. Die Altersunterschiede liegen da mitunter schon bei einigen Jahrzehnten… Aber so lange beide Parteien was davon haben und beide erwachsen sind, kann man wohl kaum etwas dagegen sagen.
Dass es aber dennoch katastrophal viel Kinder-Prostitution in Kambodscha gibt ist bekannt, doch ist das wohl wirklich eine Sache, der man nicht auf offener Straße begegnet. Allerdings begegnet man durchaus Warnungen, (uns begegnete sie bei Ankunft in Sihanoukville an einem Mann in Form einer Warnweste) die auf das Problem aufmerksam machen sollen.
Gerade deshalb sprang uns an unserem letzten Abend in Kambodscha, in einem englisch geführten Restaurant in Sihanoukville, eine ungewöhnliche Konstellation ins Auge. Ein paar Tische weiter saßen zwei ältere Herren (schätzungsweise aus Europa) gemeinsam mit einem knapp 10 Jahre alten kambodschanischen Kind. In Deutschland wäre mir die Situation womöglich gar nicht seltsam vorgekommen – doch dort in Sihanoukville, wo der Sextourismus ganz besonders offensichtlich ist, drängte sie sich geradezu auf. Nach einem kurzen Hin und Her konnten wir es dann doch nicht ignorieren und fragten den Restaurantbetreiber danach. Dieser kannte den einen Herrn tatsächlich und erzählte uns, dass es sich bei dem Mädchen um dessen Stieftochter handelte – und tatsächlich wirkten die beiden (der andere Herr verschwand getrennt) beim Gehen auch familiär vertraut…
Letztendlich ja eine logische Folge des beschriebenen Klischees, doch lieber einmal zuviel gefragt.

 

Fazit:
Doch all die Beobachtungen und kritischen Themen sollen nicht in den Schatten stellen, wie gut es uns in Kambodscha gefallen hat. Wir sind sehr vielen netten Menschen begegnet und Phnom Penh hat uns als Stadt wirklich gut gefallen. Rückblickend hätten wir vielleicht ein bisschen unserer Vietnam-Zeit für Kambodscha sparen sollen um auch noch weniger touristische Orte wie Battambang oder Kampot besuchen zu können. Aber dann machen wir das eben nächstes Mal!

 

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