Leben in Portugal

Vivien erzählt ihre Auswandergeschichte und vom Surferlife in Ericeira

Leben in Portugal

Hallo an alle reisehungrigen Leser,

mein Name ist Vivien, ich bin 30 Jahre alt und komme gebürtig aus der kunterbunten Hauptstadt Berlin. Kate und ich haben uns bereits vor einigen Jahren kennengelernt. Sie mietete damals mein Zimmer in Köln, während ich mal wieder in meiner Wahlheimat Portugal unterwegs war, genauer gesagt in Ericeira.

Ca. 40 min. nördlich von Lissabon an der Atlantikküste gelegen, ist dieses ehemals beschauliche Fischerdörfchen, mittlerweile als Europas einziges World Surfing Reserve zum Surfmekka Europas mutiert.

Vivien in Portugal

Mein Weg nach Portugal – vom Surfcamp zum Surferlife

Meine Geschichte beginnt vor gut 10 Jahren, als ich meine ersten Surfversuche in einem Surfcamp auf Fuerteventura machte. Diese Erfahrung veränderte mein Leben so tiefgreifend, dass ein Leben in der Stadt, weit weg vom Meer, für mich nur schwer vorstellbar wurde. Damals war ich noch mitten im Studium und nutzte ab sofort jede Gelegenheit wieder ans Meer zu kommen. Noch während der letzten Monate meines Masterstudiums ergab sich eine einzigartige Möglichkeit für mich, nur wusste ich damals noch nicht wie sehr diese mein zukünftiges Leben beeinflussen würde. Ich zog nach Köln und fing an als freiberufliche Grafik Designerin mit einer ortsansässigen Agentur zusammenzuarbeiten. Dies gab mir letztlich den nötigen Freiraum meinen Traum von einem Leben am Meer zu leben.

Während eines weiteren Aufenthalts auf Fuerteventura im Jahr 2014 traf ich den Menschen, der mich schließlich nach Portugal führen sollte. Wir wurden nach kurzer Zeit ein Paar und er würde die kommende Sommersaison in Portugal verbringen. Mein Entschluss stand fest: Ich würde mit ihm gehen. Wer hätte gedacht, dass dieser Ort, den ich anfangs für nur 2 Wochen besuchte, zu meiner neuen Heimat werden würde. Die sagenhafte Natur, die Gastfreundschaft und reiche Kultur der Portugiesen zogen mich schnell in ihren Bann. Dennoch dauerte es weitere 2 Jahre bis ich meine Zelte in Deutschland gänzlich abbrach.

Der Ausstieg – Wohnen und Arbeiten in Ericeira

Von Planung kann bei mir kaum die Rede sein. Es war vielmehr ein schleichender Prozess. Über Jahre hinweg flog ich zwischen Deutschland und Portugal hin und her. Aufgrund meiner freiberuflichen Tätigkeit gab und gibt es für mich immer eine Brücke in die Heimat. Der Umzug war leicht. Alles was in den Koffer passte kam mit, alles andere blieb in Kisten verpackt in Deutschland. Ich wusste nicht was passieren würde, aber ich wusste ich wollte weg aus Deutschland. Wollte ans Meer. Wollte nach Portugal.

Meine ersten 3 Jahre verbrachte ich als Workaway im “Chill in Ericeira Surfhouse” und “Sea U Soon Hostel”. Beide Unterkünfte werden liebevoll von portugiesischen Inhabern geführt und liegen strandnah sowie dicht am Zentrum. Dies war eine ausgezeichnete Möglichkeit Leute kennenzulernen, dabei gleichzeitig etwas Geld zu verdienen und Miete einzusparen. 2017 zog ich dann mit meinem jetzigen Freund in ein Haus, welches wir günstig anmieten konnten.

Mittlerweile sieht es auf dem Wohnungsmarkt in Ericeira leider nicht mehr so gut aus. Die vielen Zuwanderer haben die Preise in die Höhe getrieben und die meisten Häuser und Apartments werden über die Sommermonate an Feriengäste vermietet. In den umliegenden Dörfern kann man aber noch bezahlbaren Wohnraum finden. Ein Auto ist daher ein absolutes Muss in Portugal. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkehren nur sporadisch und dienen eigentlich mehr dem Fernverkehr. So nimmt man am besten den Bus, wenn man z. B. nach Lissabon möchte.

Leben in Portugal – Surfen in Ericeira

Mein Tag begann in der Regel mit einem ausgedehnten Surf an einem der zahlreichen nahegelegenen Strände. Zu den populärsten Surfspots Ericeiras zählt wohl Riberia D´Ilhas. Ein Reefbreak mit drei Peaks, der in fast allen Bedingungen gut läuft. Aufgrund der großen Channels und soften Wellen ist dieser Spot auch für Anfänger und Intermediates bestens geeignet. Daneben gibt es unzählige Beachbreaks wie z. B. Foz do Lizandro, São Julião oder auch São Lourenço, die sich entlang der Küsten aneinanderreihen.

Der Ton im Wasser kann manchmal leider etwas rau werden. Besonders die wachsenden Tourismuszahlen sorgen bei vielen Portugiesen für Frustration inner- und außerhalb des Wassers. Nicht selten beobachtet man Szenen, wo der Local den „Bife“ (Ausländer, meist hellhäutige Touristen) in seine Schranken weist, wenn dieser mangelnden Respekt zeigt oder die Regeln des Surfens nicht einhält. Wer sich aber respektvoll verhält, wird an den meisten Spots keine Probleme haben.

Entschleunigung in Ericeira

Der Surf wird meist gefolgt von einem „Galão“ (Milchkaffee) und einer „Pastél de Nata“, einer süßen Pastete gefüllt mit Milchpuddingcreme umhüllt von Blätterteig. Diese nationale Spezialität darf man sich nicht entgehen lassen und wird quasi allerorts angeboten. Danach ging es für mich meist an die Arbeit oder wenn die Wellen gut waren, auf zum nächsten Surfspot.

Das Leben hier ist entschleunigt. Die Leute schlendern durch die kleinen verschlafenen Gassen des Ortes, trinken gemütlich einen „Bica“ (Espresso) oder dösen in der Sonne. Der kleine Hauptplatz umringt mit Bäumen und Geschäften im Zentrum des Ortes, sowie der Hafen sind immer eine gute Möglichkeit Leute zu beobachten und ungewollt in ein Gespräch verwickelt zu werden. Man kennt sich. Und so trifft man immer auf ein bekanntes Gesicht.

Cafés, Restaurants und Bars in Ericeira

In den Sommermonaten wird der kleine Ort recht lebendig. Tausende von Touristen kommen jedes Jahr nach Ericeira. Zum Surfen, zum Entspannen, zum Genießen. Das Zentrum bietet allerhand an Geschäften und Lokalitäten, um sich den Tag zu versüßen. Neben den traditionellen Restaurants haben auch die städtischen Trends Einzug in das kleine Fischerdorf gehalten.

Moderne Cafés und Bars (z.B. “Green is Good”, “The Mill”) servieren u. a. Matcha Lattes und andere gesunde Alternativen. Auch das Nachtleben mit seinen zahlreichen Bars (z. B. “Adega Bar”, “Tubo Calavera”) und sogar einem Nachtclub (“Ouriço”) lässt keine Wünsche offen.

Wer nach Ericeira kommt, der liebt surfen und er liebt Fisch. Unzählige Fischrestaurants reihen sich aneinander und so fällt die Wahl oft schwer wohin es denn gehen soll. Abends trifft man sich entweder bei Freunden oder im Lieblingsrestaurant (“Tasca Da Boa Viagem”) zu einem ausgiebigen Gelage mit viel Essen und natürlich Wein. Reichlich Oliven und Käse dürfen als Vorspeise nicht fehlen. Als Hauptgang gibt es entweder Fleisch oder Fisch bzw. Meeresfrüchte. Viel Olivenöl und Knoblauch mit einer Prise Meeressalz machen jedes Essen zu einem Gaumenschmauß.

Die portugiesischen Weine sind weltbekannt und das zu Recht. Man muss schon sehr viel Pech haben eine schlechte Flasche zu erwischen. Besonders die vollmundigen Rotweine lernt man hier lieben. Diese werden hier auch gerne zu Fisch getrunken.

Die Herausforderungen – Sprache und Gehalt in Portugal

Eine der größten Herausforderungen an einem Leben in Portugal ist wohl die Sprache. Jedenfalls war sie das für mich. Wer bereits Spanisch oder gar Brasilianisch spricht, dem wird es vielleicht leichter fallen der portugiesischen Sprache Herr zu werden. Doch allen anderen sei gesagt: es ist hart! Glücklicherweise sprechen viele Portugiesen sehr gut Englisch. Das macht die Kommunikation besonders am Anfang recht einfach. Zudem leben sehr viele Auswanderer aus aller Welt in Ericeira, sodass man auch ohne Portugiesisch schnell Anschluss findet.

Doch im Alltag, besonders bei Behördengängen, wird es schnell schwierig, wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Hier sollte man sich ggf. Unterstützung von Muttersprachlern suchen. Das Erlernen der Sprache ist letztlich ausschlaggebend dafür, ob man sich voll in die Kultur integriert oder eben immer ein „Zugezogener“ bleibt.

Eine weitere Herausforderung ist die finanzielle Situation des Landes. Wer auf Arbeit in Portugal angewiesen ist, wird feststellen, dass die Lebenshaltungskosten relativ hoch sind im Vergleich zum Verdienst. Immerhin liegt der Mindestlohn hier bei nur ca. 600 € im Monat. Idealerweise sollte man sein Einkommen aus dem Ausland beziehen oder ein eigenes Business eröffnen, wenn man ein vernünftiges Auskommen haben will. Anderenfalls wird man sich in saisonalen Jobs im Gastro- oder Tourismusbereich wiederfinden, mit größtenteils schlechter Bezahlung. Das nahegelegene Lissabon bietet hier unter Umständen bessere Karrieremöglichkeiten.

The Salty Sea Gals Project – Gemeinschaft für Surferinnen 

Wellenreiten macht nicht nur alleine Spaß, sondern noch viel mehr, wenn man die Wellen mit guten Freunden teilen kann. Aus diesem Grund gründeten eine Freundin und ich die “Salty Sea Gals”. Salty Sea Gals ist ein Projekt von begeisterten Surferinnen für Frauen in und um Ericeria. Die Idee ist Frauen zusammenzubringen und in Gemeinschaft unsere Liebe für den Ozean und die Umwelt zu teilen. Jeder ist willkommen. Es geht darum eine starke Beziehung zwischen den Frauen herzustellen. Sich gegenseitig zu unterstützen und zu fördern. Besonders im Surfsport kann man sich als Frau zeitweise recht alleine fühlen. Da hilft die feminine Energie als Powerboost für das Selbstvertrauen sehr. Neben wöchentlichen Surfsessions organisieren wir Workouts, Beach Clean Ups, Surffilmnächte und vieles mehr. Mehr Informationen findest du hier.

Reisen durch Portugal – meine Tipps und Lieblingsorte

Portugal ist ein Land mit vielen Gesichtern. Vom rauen Norden bis zum mediterranen Süden bietet es eine vielfältige Landschaft. Im Landesinneren findet man grüne Wälder und Berge mit verwunschenen Wasserfällen, welche dann im Westen in die eher flachen Küstenregion übergehen. Gesäumt von kilometerlangen Sandstränden und Steilküsten ist Portugal ein wahres Naturschauspiel.

Verweilt auf jeden Fall in Porto und dem nahegelegenen Weingebiet des Douro. In der Mitte des Landes warten die wunderschönen Orte Nazaré, Obidós, Ericeira, Sintra und Lissabon darauf erkundet zu werden.

Besonders Sintra ist ein absolutes Highlight für mich. Dieser verzauberte Ort mit seinen Schlössern und Burgen bringt den Glanz und die Magie vergangener Zeiten zum Vorschein und macht sie wieder lebendig. In den Sommermonaten ist der Ort sehr überlaufen, daher empfehle ich Sintra in der Nebensaison zu besuchen.

Auch die Küstenregion rund um Sintra kann sich sehen lassen. Nicht unweit entfernt befindet sich der westlichste Punkt Europas der Cabo da Roca, ein wunderschöner Aussichtspunkt und Touristenmagnet.

Etwas weiter die Küste hoch liegt der Ort Azenhas do Mar, der eines der besten Seafood-Restaurants in ganz Portugal beherbergt. Das Restaurant liegt direkt in der kleinen Bucht des Ortes mit Blick aufs Meer.

Nazaré gehört für alle Surfer auf die Must-Do-Liste. Allerdings wird man die wirklich großen Wellen hier nur im Winter zu Gesicht bekommen. Die Saison für die Wellenmonster beginnt im Oktober und endet im April. Wichtig ist vorab den Forecast zu checken, damit ihr den Riesenswell nicht verpasst.

Auf dem Weg Richtung Algarve sollte man sich genügend Zeit lassen die Küste auf der Landstraße entlang zu fahren speziell der Nationalpark von Arrábida südlich von Lissabon ist einen Stopp wert mit seinen unfassbar schönen Stränden. Der Praia de Galapinhos wurde nicht ohne Grund zu einem der schönsten Strände der Welt gekürt.

Alentejo wird durch seine reichhaltigen Speisen, kräftigen Rotweine sowie das heiße und trockene Klima ausgezeichnet. Hier darf man im Restaurant gerne mal eine halbe Portion bestellen und wird mit Erstaunen feststellen, dass diese vollkommen ausreichend ist. Das große Plus hier sind die vielen naturbelassenen leeren Strände. Wer Ruhe und Natur weitab vom Tourismustrubel sucht, wird in Alentejo fündig werden.

Die Algarve bietet vielseitige Möglichkeiten für Unternehmungen. Wassersportarten aller Art werden hier geboten, falls es mal keine Wellen gibt. So kann man die Küsten z. B. entlang klettern oder mit einer SUP-Tour erkunden. Lagos Küste geziert mit kleinen Buchten aus Sandstein, die man entweder zu Fuß oder per Boot erreichen kann, laden zum ausgiebigen Sonnenbaden mit einem Sprung ins kühle Wasser ein.

Auch wenn ihr Portugal nicht zu eurer neuen Heimat macht, so ist es doch auf jeden Fall einen Besuch wert.

Auf zu neuen Abenteuern

Nach nun insgesamt 4 Jahren in Portugal war es an der Zeit Abschied zu nehmen. Zumindest für einige Zeit. Da es schon immer mein Traum war Australien und seine Wellen zu erkunden, wollte ich mir die Gelegenheit eines Work & Holiday Jahres dort nicht entgehen lassen. Daher habe ich mich vor kurzem auf in ein neues Abenteuer begeben. Aktuell ist noch unklar was die Zukunft bringen wird, aber eine Rückkehr nach Portugal ist nicht ausgeschlossen.

Meine Zeit dort war unglaublich schön und auch wenn sich der ganze normale Alltagstrott selbst in einem Urlaubsort wie Ericeira unvermeidlich einschleicht, so ist die Lebensqualität dennoch hoch. Der morgendliche Surf, ein Milchkaffee mit Freunden in der Sonne oder der abendliche Strandspaziergang mit filmreifem Sonnenuntergang machen vieles wett, was der Alltagsstress mit sich bringen mag. Wer sich Entschleunigung in seinem Leben wünscht und die Nähe zum Meer sucht, der wird in Portugal ein neues Zuhause finden.

Was ich mitnehme

Ich nehme viele schöne Erinnerungen mit aus meiner Zeit in Portugal. Vor allem hat es mich gelehrt dankbar zu sein und jeden Moment zu genießen. Den Stress nicht Herr über meinen Gemütszustand werden zu lassen. Durchzuatmen. Zu Leben. Mutiger zu sein. Offener zu werden. Sogar Deutschland ab und an zu vermissen. Danke dafür an Portugal und seine großartigen Menschen.

Até já. Adoro-té.
(Auf bald. Ich liebe dich.)

Praktisches und Nützliches

  • Surfspots in Ericeira

    Riberia D´Ilhas
    Reefbreak mit drei Peaks, läuft in fast allen Bedingungen, auch für Anfänger und Intermediates geeignet

    Foz do Lizandro, São Julião, São Lourenço
    (Beachbreaks)

  • Restaurants und Cafés in Ericeira

     “Green is Good”

    “The Mill”

    “Tasca Da Boa Viagem”

  • Nachtleben in Ericeira

    “Adega Bar”

    “Tubo Calavera”

    “Ouriço”