Reisen früher und heute

Wie uns Reiseerfahrungen der Kindheit prägen

Reisen früher und heute

Reisen früher und heute:

Welches Bild hast du als erstes im Kopf, wenn du an das Wort “Urlaub” denkst? Bei mir ist es das Glitzern des Meeres im Sonnenlicht. Und zwar genau der Moment, wenn man das Meer das erste Mal im Urlaub in der Ferne erblickt.

Als Kind bin ich mit meiner Familie im Sommer oft nach Frankreich ans Meer gefahren. Mitten in der Nacht ging es los und wir Kinder haben noch ewig weiter geschlafen. Nach stundenlanger Autofahrt blinzelte man irgendwann durch die müden Augen und erhaschte einen ersten Blick auf das Glitzern der Wellen.

Da hat für mich immer der Urlaub begonnen. Und das ist bis heute so.

Blick aufs Meer

Rückblick: meine reiseverrückte Familie

Um meine Art zu Reisen früher und heute zu verstehen, muss man einige Jahre zurückdrehen. Nicht nur zu den Reisen meiner Kindheit, sondern auch  zu denen meiner Eltern und Großeltern.

Was man dazu wissen sollte: wir sind eine dieser “Kranich-Familien”, in der sowohl Opa als auch Papa bei Lufthansa arbeiten bzw. gearbeitet haben. Das erleichtert nicht nur die Reiserei – in der Generation meiner Großeltern machte es diese wahrscheinlich überhaupt erst in diesem Maße möglich.

(Wieso Kranich? Der Kranich ist auf dem Logo von Lufthansa abgebildet.) 

Trotzdem braucht es – damals vielleicht noch mehr als heute – auch eine ordentliche Portion Reise- und Abenteuerlust, um sich regelmäßig in ferne Länder zu wagen. Meine Großeltern hatten von beidem eine ganze Menge und so lebten sie eine Weile in den USA und in Kanada, reisten nach Chile und waren beinah zehn mal in Neuseeland bzw. Australien.

Der Ursprung des Vanlife in meiner Familie

Meine Eltern reisten in ihren frühen Zwanzigern zwar nicht mit dem Flugzeug um die Welt, dafür mit einem “klapprigen R4” (ein alter Renault) durch Frankreich. Geschlafen und gegessen wurde im Zelt oder auf der umgeklappten Rückbank. Wichtigste Utensilien: eine karierte Tischdecke, Kaffee und eine Flasche Rotwein.

Da verwundert es doch kaum, dass ich mir etwa 30 Jahre später einen Renault zum Van ausbaute und damit zu eben den Orten an der französischen Atlantikküste aufbrach, die ich aus Erzählungen und Fotoalben meiner Eltern kannte. Kaffee und Rotwein sind dabei nach wie vor notwendige Grundausstattung. Nur der karierte Stoff landete nicht auf dem Tisch, sondern als Vorhang an den Fenstern.

Urlaube in der Kindheit: Ferienhaus und Tagestouren

Aber zurück in die Vergangenheit: irgendwann kamen erst ich, dann meine zwei Brüder zur Welt und R4 und Zelt wurden ausgetauscht gegen Ferienhäuser. Meistens in Frankreich, aber auch mal Dänemark, Rügen oder Sylt. Wer jetzt glaubt, wir hätten uns 3 Wochen lang nicht aus der Ferienanlage bewegt: falsch.

Seit ich mich zurückerinnern kann, waren wir in unseren Urlauben immer viel unterwegs, unternahmen Tagestouren von früh bis spät, spazierten uns die Füße in kleinen Städten wund, kraxelten auf Leucht- und Kirchentürme oder wanderten hinauf auf Bergwipfel. 

Meine erste Fernreise: Spontantrip nach Kanada, 1997

Meine erste Reise außerhalb Europas führte uns nach Kanada – und zwar total spontan. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater am letzten Schultag vor den Herbstferien – ich war damals in der Grundschule – nach Hause kam und uns mit den Worten begrüßte: “Kids fangt an zu packen, wir fliegen morgen nach Kanada!”

Hatte er mal eben spontan ein paar Resttickets ergattert und einfach Nägel mit Köpfen gemacht. Die folgenden Tage verbrachte ich in einer unglaublich urigen Holzhütte an einem zugeschneiten See, ging auf Spurensuche im Wald, staunte über die Niagarafälle und traute mich auf die Glasplatte im höchsten Turm von Toronto.

Die erste große Reise: mit dem Wohnwagen durch Australien, 2002

Im Winter 2002/2003 folgte unsere erste große Reise. Zu fünft flogen wir nach Australien und fuhren mit einem Wohnmobil vier Wochen von Brisbane bis Adelaide. Kurz vor Abflug schreibe ich in mein Reisetagebuch:

“Eben haben wir mit Sekt und O-Saft auf den gemeinsamen und wahrscheinlich tollsten Urlaub angestoßen.”

Ich war unendlich aufgeregt und freute mich wie bolle. Es folgte eine großartige Reise und wir alle verliebten uns in das “Vanlife” – ein Begriff der erst später geboren werden würde. 

“Um 5:30 Uhr bin ich wach und schaue erstaunt aus unserer Dachluke. Es ist taghell – seltsam. Mühsam schlafe ich nochmal ein, aber eigentlich bin ich viel zu unternehmungslustig um liegen zu bleiben. Die Kinder liegen kreuz und quer in ihren Betten – Zigeunerleben eben.”

Zitat aus Mamas Reisetagebuch

Die Tour durch Australien war toll! Wir wanderten zu zahlreichen Wasserfällen, durch dschungelartige Wälder und hinauf zu Aussichtspunkten. Wenn ich mir heute mein Reisetagebuch ansehe, muss ich feststellen, dass ich damals mit meinen 13 Jahren nicht so viel Interesse an Landschaften hatte. So schreibe ich über eine Wanderung:

“Irgendwann kamen wir dann schweißgebadet oben an. Auf der kleinen Bergspitze stand ein kleiner “Lookout” von dem aus wir eine eigentlich ganz gute Aussicht hatten”

Es muss aber toll gewesen sein, immerhin schreibt Mama zeitgleich:

“Der Schweiß läuft in Strömen, aber es hat sich gelohnt. Oben angekommen haben wir einen fantastischen Ausblick auf die Kegel der Glashouse-Mountains.”

Zitat aus Mamas Reisetagebuch

Wenn ich mir heute die Bilder ansehe, muss ich ihr Recht geben. Mich faszinierten damals wohl mehr die Begegnungen mit Tieren. Ich streichelte Kängurus, hielt einen Koalabären auf dem Arm und eine Python um die Schultern und hatte bunte Papageien auf Händen und Kopf.

Und das Meer zog mich magisch an. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit warf ich mich in die australischen Wellen. Man muss dazu wissen, dass wir auf unseren Reisen immer sehr viel unterwegs waren und meistens einen recht straffen Zeitplan hatten. Für einfach mal einen Tag am Strand verbringen fehlte uns allen meistens die Ruhe – Abenteuerlust und Neugierde auf das fremde Land zogen uns meist schnell weiter. So gab es aber offenbar die ein oder andere Situation, in der die Ansage eigentlich lautete “Wir halten nur kurz zum Gucken und fahren dann weiter” und ich trotzdem kurz für einen kleinen Sprung ins Wasser den Strand hinunter rannte. Sorry…

Blut geleckt: mit dem Wohnmobil durch den Westen der USA, 2004

Von der Art des Reisens restlos begeistert, wurde auch die nächste Reise ein vierwöchiger Wohnmobiltrip. Diesmal durch die Städte und Nationalparks im Westen der USA. Wir fuhren durch das heiße Death Valley und standen um 4 Uhr morgens auf um den Sonnenaufgang am Grand Canyon zu bestaunen. Wir erwachten im Wohnwagen mit Blick auf das Monument Valley (“Marlboro Country”), fuhren mit einem Jeep durch verlassene Canyons und staunten über das magische Licht im Antelope Canyon.

In Las Vegas kostete ich meiner Mama einen halben Herzinfarkt, als ich unbedingt die Achterbahn hoch oben auf dem “Stratosphere”-Turm fahren wollte. In San Francisco fuhren wir am liebsten mit der Cable Car und lauschten dem Gebrüll der Seehunde am Pier 39. Wir brausten den Highway Number 1 hinunter und warfen uns hier und da in die Wellen (leider damals noch ohne Surfboard). In L.A. endete unsere Reise am Walk of Fame und leider auch meine Reisezeit mit meiner Familie.

Die folgenden Teenager-Jahre hatte ich wohl anderes als Reisen mit der Familie im Kopf – rückblickend unverständlich. Aber wer versteht schon die Untiefen eines Teenager-Kopfes? 

Zwei Auslandsaufenthalte in Kanada und den USA brachten mich zumindest einige Male in die Ferne. So richtig kam das Thema Reisen allerdings erst wieder im Studium hoch. Doch dann war ich nicht mehr zu bremsen: Europa, Asien, Südamerika, Vanlife, Surfen. Ein Abenteuer jagt seitdem das nächste – und das ist großartig!

Reisen früher und heute: wie mich unsere Familienreisen geprägt haben

Wenn ich heute an unsere Reisen und Urlaube zurückdenke, stelle ich fest, wie sehr sie meine eigene Art des Reisens geprägt haben. 

Mit Reisen früher und heute verbinde ich das Meer, das auf mich schon immer eine zugleich beruhigende, aber auch respekteinflößende Wirkung hatte. Wahrscheinlich übt es genau deshalb diese Faszination aus. Früher wie heute gehe ich am liebsten mit “Equipment” ins Wasser. Waren es früher Luftmatratze oder aufblasbare Schwimmtiere (ich liebte diese Viehcher!), sind es heute Surfboard oder SUP. 

Reisen früher und heute bedeutet für mich auch Strand: Ich liebe den Sand zwischen den Zehen, in den Haaren und auf der Haut. Lange Strandspaziergänge, Muscheln sammeln, große Dünen hinunterhüpfen, Sonnenuntergang am Meer – all das gehört für mich einfach schon immer dazu.

Noch immer faszinieren mich auf Reisen die Begegnungen mit Tieren. Erst letztes Jahr quietschte ich vor Freude, als mir kleine Äffchen in Bolivien auf die Schultern hüpften. Ein Tag in einem thailändischen Elefantencamp war ein absolutes Highlight. Und von dem emotionalen Breakdown, als direkt neben unserem Boot in Peru ein Buckelwal aus dem Wasser sprang, fange ich erst gar nicht an.

Reisen bedeutet für mich das Land zu erkunden, durch die Gegend zu laufen oder zu fahren – am liebsten unabhängig mit Auto oder Roller. Das fand ich in Südamerika manchmal schade, komplett von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrern abhängig zu sein und nicht mal eben hier und da abzubiegen oder anzuhalten wenn es schön ist.

Reisen früher und heute heißt schon immer: hoch hinauf! Der erste Blick auf die Karten im Reiseführer gilt dem Symbol für Aussichtspunkte. (Witzig, war die Begeisterung hierfür als Kind ja offenbar eher begrenzt).

Meine Familie hatte auch schon immer diesen unerklärlichen, allgegenwärtigen Drang dazu, überall hoch zu gehen. Auf jeden verdammten Kirch- oder Leuchtturm, auf den man hoch KANN, MUSS ich einfach hoch. Das gilt übrigens nicht nur für Türme, auch Felsen und Bäume werden nach wie vor gern erklommen. 

Reisen früher und heute bedeutet für mich auch viel zu sehen, den ganzen Tag zu nutzen. Ich bin ein absoluter Frühaufsteher und meine Neugierde und Abenteuerlust ziehen mich meistens schon früh aus der Koje.

Apropos früh bis spät: Sonnenaufgänge an besonders schönen Orten und Sonnenuntergänge am Meer waren in unserer Familie schon immer obligatorisch. Das bringt die Reisebegleiter manchmal schier zur Verzweiflung: Sina quälte sich in Rom zu Unzeiten aus dem Bett um mit mir den Sonnenaufgang von einem Aussichtspunkt zu beobachten. Und der liebste Reisebegleiter fluchte ganz schön, als wir in Bagan durch die kalte Nacht zum Pagodenfeld fuhren.

Reisen früher und heute bedeutet für mich auch immer noch fliegen. Klar, der ökologische Fußabdruck sollte dabei nicht zu groß werden. Dennoch: früher wie heute drücke ich mir die Nase auf Sitz A am Fenster platt (immer hinter den Tragflächen, damit sie nicht die Sicht versperren).

Aber ehrlich gesagt mag ich schon das gesamte Drumrum am Flughafen. Da fängt die Reise an. Ich liebe den Start der Maschine, das Gefühl der Schwerelosigkeit und den letzten Blick hinab auf die Heimat bevor es hinaus in die weite Welt geht.

Und zu guter Letzt kommt das, was der wiederkehrende Leser schon kennt: Reisen früher und heute heißt Handstandbild. Egal ob am Strand, auf einem Berg, vor Monumenten (in Rom wurde ich dafür ganz böse mit der Trillerpfeife zurecht gewiesen…), auf SUP oder Skateboard und auf Dächern. Auch das liegt übrigens in der Familie… 

War schon immer so und wird hoffentlich noch viele Jahre so sein. 

Vielen Dank meine liebe, reiseverrückte Familie, dass ihr mir das Tor zur Welt so sperrangelweit geöffnet, mich mit dem Reisevirus infiziert und stets dabei unterstützt habt, so viel wie möglich von der Welt zu sehen!

Dieser Artikel ist Teil einer Blogparade des Blogs “Reisepsycho”

zum Thema “Reisen damals – Wie uns Reiseerfahrungen prägen”