Saigon – Straßenüberquerungen, Gassengewirr und Nobelhotels

Saigon
– Straßenüberquerungen, Gassengewirr und Nobelhotels –

 

Der Name der Stadt
Am frühen Nachmittag kamen wir nach einer entspannten Busfahrt (mit einem Bettenbus am helllichten Tag!) in Saigon’s Backpackerviertel an.
Doch bevor ich euch von der größten Stadt Vietnams erzähle, stellt sich erstmal die wichtigste Frage: Saigon oder Ho-Chi-Minh-City?
Mein liebster Reisebegleiter und ich waren uns davor sehr uneinig, wie wir unser nächstes Reiseziel eigentlich nennen sollen. Für mich klingt Saigon schöner, aufregender, asiatischer und nach alter Kultur. Doch politisch korrekt ist seit der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1976 der Name Ho-Chi-Minh-City. Um unseren Disput beiseitezuschaffen fragten wir die einzigen Menschen, die es wissen können: die Einwohner der Stadt. Und egal wen man fragte, ob Taxifahrer, Hotelbetreiber oder Nageltante: für sie war es immer noch Saigon (Ha! gewonnen!).


 

Durch den Irrgarten des Backpacker-Viertels
Der Bus fuhr in das Büro (kein Scherz) der Bus-Gesellschaft hinein, denn meistens handelt es sich bei dieser Art von Büros auch einfach nur um einen Schreibtisch in einer großen Garage. Von dort aus waren es nur knapp 100 Meter Luftlinie zu unserem Hostel. Wir schulterten unsere Rücksäcke und bogen auf gut Glück in die erste Gasse, die grob in die richtige Richtung verlief. Doch auch wenn Saigon riesig groß und modern ist: es gibt sie noch, die kleinen engen verwinkelten Gassen. Wir verliefen uns erst einmal komplett. Standen plötzlich vor einer Hauswand, mussten wieder umdrehen, kamen irgendwo heraus und verließen uns dummerweise aufs GPS, das zwischen den engen Häuserschluchten gern mal komplett falsch liegt. Irgendwann erreichten wir im Irrgarten dann doch ein Tor, an dem ein kleines Schild mit dem Namen unserer kleinen Unterkunft angebracht war. Nur leider war es verschlossen… Etwas verwirrt – vor allem, da wir das erste Mal keine Bestätigungsmail erhalten hatten – gingen wir erstmal weiter… immerhin hatten wir auf dem Weg bereit ein weiteres Hostel mit einem sehr ähnlichen Namen gesehen. Doch 10 Minuten später, nachdem wir aus Versehen im Kreis gegangen waren, hatte das Tor auf und unser netter Gastgeber empfing uns bereits überschwänglich. Er gab uns ein paar Tipps und führte uns dann zu unserem Zimmer (das Beste des Hauses, wie er erklärte, denn weil seine Tochter in Deutschland lebt, wollte er es uns besonders schön machen).

 

Unterwegs ins Zentrum
Nach einer Pho (die nicht annähernd an unseren Liebling in Hanoi herankam) machten wir uns auf den Weg ins Zentrum. Doch was ist eigentlich das Zentrum Saigons? Die Stadt hat so viele Stadtteile, die Übergänge sind fließen und man fragt sich: wo spielt es sich ab, das Leben in Saigon? Wohl wissend, dass wir das in der kurzen Zeit die wir in der Stadt hatten nicht herausfinden würden, konzentrierten wir uns erstmal auf die Sehenswürdigkeiten des ehemaligen Kolonialviertels. Der Weg dorthin war bereits ziemlich abenteuerlich, denn wir mussten so einige Straßen überqueren. Was jetzt für jeden in Deutschland erstmal komisch klingt, lässt einem in der jeweiligen Situation dann doch mal schnell den Puls nach oben schnellen und ein Adrenalinjunkie wird hierbei so richtig auf seine Kosten kommen. Die Straßen sind voll mit Autos und Rollern, die sich alle irgendwie kurz und quer ihren Weg suchen. Schön und gut, denkt man sich womöglich, aber es gibt ja Zebrastreifen und Ampeln. Ihr könnt euch ja gern mal wie ein braves Schulkind an den Straßenrand stellen und darauf warten, dass da an einer sechsspurigen Straße jemand anhält! Nein, so einfach ist das leider nicht. Wie einer von Ocean’s Eleven muss man die Autos wie Laserstrahlen beobachten, den Rhythmus erkennen und dann – nach einem tiefen Atemzug – den ersten Schritt auf die Straße setzen. Was danach kommt, gleicht einem gefährlichen Tango übers Tanzparkett. Bloß im Takt bleiben, nicht stehen bleiben, dann schlängeln sich Roller, Autos und Busse um einen herum, als würde man eine durchsichtige Kugel um sich herum tragen. Es ist in jedem Fall ein Erlebnis und wer es noch nicht selbst gemacht hat, der kann das euphorische High-Five an der anderen Straßenseite einfach nicht verstehen…
Nach unserem ersten Kreisverkehr waren wir aber dennoch froh um den schönen Tao Dan Park, eine kleine ruhige Oase inmitten des Verkehrschaos. Zwischen hohen Bäumen findet man eine kleine Miniaturdarstellung eines Tempels, der ein bisschen an Angkor Wat erinnert und es gibt einen recht großen Open-Air-Fitness-Bereich, der hier rege genutzt wird. Selbst Anzugträger schwingen sich eine Weile auf den Crosstrainer oder an die Klimmzugstange.

Einige Minuten weiter stolperten wir plötzlich über einen Panzer. Er steht, gemeinsam mit Helikoptern und kleinen Bombern der U.S. Army vor dem Museum für Kriegsrelikte (War Remnants Museum). Der Eintritt ist spottbillig, also gönnten wir uns ein Ticket – auch wenn wir uns nur den Außenbereich anschauen wollten. Neben der alten Kriegsmaschinerie gibt es auch noch ein kleines Seitengebäude, in dem “anschaulich” die Verhältnisse der Gefangenschaft und Foltermethoden dargestellt werden. Wer Zeit (und Nerven) hat, für den lohnt sich bestimmt auch noch der Besuch der Hauptausstellung, aber wir wollten erstmal was von der Stadt sehen.

 


Saigons Kolonialviertel
Vorbei am großen Wiedervereinigungspalast schlenderten wir durch eine Allee zur nahegelegenen Kathedrale Notre Dame. Es ist beinahe surreal, wie sich die 60 Meter hohe klassisch katholische Kirche aus roten Steinen zwischen asiatischen Straßen und modernen Glasbauten erhebt.  Natürlich wollten wir das Vermächtnis der französischen Kolonisten auch von innen anschauen – brauchten dafür aber ganze drei Anläufe. Am ersten Abend waren wir zu spät und die Pforten waren bereits verschlossen. Am letzten Tag kamen wir am späten Vormittag dort an – nur um festzustellen dass sie erst wieder um 14 Uhr öffnen würde. Doch dann, endlich, 2 Stunden vor Abfahrt, schafften wir es. Leider mussten wir dann feststellen, dass sich der ganze Aufwand nicht so recht gelohnt hatte, denn von Innen ist die Kirche eher unspektakulär. Am interessantesten sind da tatsächlich die vielen kleinen gravierten Steintäfelchen, die die großzügigen Spender nennen.

Der Besuch der Postfiliale (Hôtel des Postes) schräg gegenüber war dann sogar etwas eindrucksvoller. Das schöne alte und vor allem ziemlich große gelbe Kolonialgebäude ist von Innen wirklich schön. Am Kopfende thront ein großes Portrait des ehemaligen Präsidenten Ho-Chi-Minh und die Seitenwände sind mit schönen alten Karten bemalt. Wir kauften ein paar Postkarten Vietnams und schickten sie am letzten Tag von einem der Schalter los nach Deutschland.  

Von hier aus schlenderten wir die Dong Khoi, die Hauptader des Kolonialviertels, hinunter Richtung Saigon-Fluss. Auf dem Weg entdeckt man zahlreiche wunderschöne Fassaden der Kolonialzeit – allen Voran natürlich die Nobelhotels. Ein paar Meter von der Dong Khoi entfernt liegt das Rathaus Saigons, ein wunderschöner Bau, mit einem sehr langen schmalen Platz, dem Ho-Chi-Minh-Square. Das Bronze-Abbild von Onkel Ho winkt einem freundlich zu, während er in Richtung Flussufer hinabblickt und wahrscheinlich – so wie ich – die vielen Wolkenkratzer und Hochhäuer bewundert, die hinter den kleinen Springbrunnen emporschießen.
Zurück auf der Dong Khoi lädt das hübsche Opernhaus zu einem schicken Abend ein – leider sind die Vorstellungszeiten allerdings so früh, dass wir es nicht unterbekamen. Nebenan steht das Hotel Continental mit seiner weißen Jugendstilfassade, das zur Zeit des Vietnamkrieges zahlreiche Kriegsberichterstatter beherbergte.


 

 

Zum Ufer des Saigon-Fluss
Kurz bevor wir zum Ende der Dong Khoi gelangten, entdeckten wir ein Hotel, das zwischen den ganzen schicken Kolonial- und Glasbauten herausstach. „The Mist“ ist ein recht schlichter weißer Bau, aus deren Öffnungen allerdings so viele Pflanzen sprießen, dass es von weitem aussieht, als befände sich ein Urwald darin. Von dort aus gelangt man zum Platz Công viên Cảng Du Lịch Bạch Đằng, wo die Statue des vietnamesischen Generals Tran Hung Dao steht. Doch nicht wegen der Statue, sondern wegen des Blicks, der sich dort offenbart, lohnt sich ein Abstecher dorthin. Wunderschön aufgereiht – aber alle ganz verschieden – stehen sie dort nebeneinander, die Wolkenkratzer Saigons.
Nach einem weiteren Tango über die Straße, schlenderten wir am Flussufer entlang. Das Wasser muss man am Ufer aber durchaus suchen, denn es ist komplett zugewuchert mit Wasserpflanzen. Die andere Seite des Flusses ist noch recht unbebaut, dafür zugepflastert mit riesig großen Werbeplakaten. Auf dem Rückweg ins Zentrum funkelten uns die goldenen Portale des Majestic Hotels entgegen und vor dem mittlerweile azurblauen Himmel zeichnete sich der 265 Meter hohe Bietxo Financial Tower ab, dessen außergewöhnliche Form mit seinem Ufo-förmigen Hubschrauberlandeplatz aus der Skyline Saigons heraussticht.

 

 

 

Ein Abend im Backpackerviertel
Auf dem Rückweg ins Backpackerviertel wollten wir uns eigentlich noch den Benh-Tanh-Markt anschauen, doch leider waren wir zu spät dran und die Verkäufer räumten bereits alle ihre Stände zusammen. Der Kreisel vor dem Marktgebäude ist dann auch wirklich nur noch was für Fortgeschrittene Fußgänger, denn er ist nicht nur riesig groß mit vielen Ausfahrten, sondern auch noch zu einem Großteil mit Bauzäunen zugepflastert, so dass einem nichts anderes übrig bleibt als am Straßenrand entlang zu balancieren.
Das Essen im empfohlenen „Cơm Chay Định Ý“ war leider nicht so der Knaller und die Atmosphäre war eher Klasse Mensa. Richtig schön war es allerdings in der Rooftop-Bar „The View“, mitten im Backpackerviertel. Die Bar ist zwar nur im neunten Stock, aber da alles andere drum herum recht niedrig ist, hat man trotzdem einen tollen Blick auf die abendliche Skyline. Der Außenbereich ist schön gemütlich mit vielen Lampions und auf der unteren Etage der Terrasse gibt es Livemusik, die in ziemlich hoher Lautstärke auch nach oben übertragen wird.

 

 

 

Massage in Saigons Backpackerviertel
Auch am zweiten Abend, geschafft von einem Tagesausflug zum Mekong-Delta, stöberten wir durch das Backpackerviertel. An einem kleinen Streetfood-Stand in der lebendigen Bui Vien Straße, aßen wir leckere (aber ziemlich teure) Spieße, die frisch gegrillt wurden und sau scharf waren. Danach wollten wir uns noch die müden Beine massieren lassen und die Auswahl der Massageläden war ja groß in der Gegend.
Wir schlenderten also die Straße entlang, verglichen Preise und entschieden uns dann letztendlich für einen der Läden direkt an der Bui Vien – wobei die sich wahrscheinlich alle nicht wirklich unterscheiden. Wir wurden von zwei Vietnamesinnen in den zweiten Stock geleitet, wo wir in einer kleinen kargen Kammer zwei Bänke vorfanden, die jeweils zu zwei Seiten in der Ecke standen. Da kommt schon ein bisschen die Frage auf, wie man da eigentlich massieren soll… An Entspannung war auch nicht zu denken, denn der Partylärm der Straße drang durch Fenster und Wände. Unabhängig davon hatten wir nach der Massage aber den starken Verdacht, dass die Damen in diesem Etablissement auch Dienstleistungen fernab der Preisliste anbieten. 
Auf dem Weg zurück sahen wir die kleine „charmante“ Gasse, in der unsere Unterkunft war, dann plötzlich mit ganz anderen Augen. Vor den zahlreichen Nagel- und Massagestudios saßen beinah ausschließlich aufgetakelte Vietnamesinnen in viel zu knappen Kleidern und wir waren uns nunmehr recht sicher, dass wir in einer kleinen Puff-Straße gelandet waren…

 

 

Cafès und Aussicht
Am letzten Morgen entdeckten wir das schöne „What’s up Cafe“ ganz in der Nähe unserer Unterkunft, bei dem wir für wenig Geld ein hervorragendes Frühstück bekamen. Für knapp 5 Euro kann man sich 3 Gerichte aussuchen und der Kaffee wurde sogar nachgeschenkt. Nach Pancakes, Omelett und Obstsalat mit Joghurt und Müsli rollten wir wieder in Richtung Notre Dame, die  – wie bereits erzählt – dann schon wieder zu hatte.


Wir suchten uns also direkt das nächste Café, denn es mussten ja noch Postkarten geschrieben werden. Ganz in der Nähe, versteckt in einem Mini-Geschäftshaus, das im Erdgeschoss eine kleine unscheinbare Galerie beherbergt, wurden wir zufällig fündig. Im dritten Geschoss ist das „1st Garden Café“, ein kleiner wunderschöner Ort der Ruhe! Der Boden ist mit großen Natursteinen gefliest und die Decke mit einer Baumkrone geschmückt, in der kleine Lichter hängen. Die wenigen kleinen Tische und Stühle sind aus dunklem Holz und über der Bar gibt es eine kleine Ebene wie auf einem Hochbett. In den Ecken gibt es zwei kleine Mini-Wasserfälle, die stetig vor sich hinplätschern und wem das noch nicht reicht, dem offenbart sich aus den bodentiefen Fenstern und dem Balkon noch ein toller Blick auf Dong Khoi und die Wolkenkratzer des Kolonialviertels. Dort verbrachten wir zwei gemütliche Stunden mit Postkarten und Blog-schreiben während wir leckeren Eiskaffee schlürften.

Nachdem wir die Postkarten auf den Weg gebracht hatten und endlich das unspektakuläre Innenleben der Kathedrale gesehen hatten, gab es noch einen Punkt auf der Saigon-Liste, den wir kurz vor Abreise auf jeden Fall noch mitnehmen wollten: die Aussicht von einem der Wolkenkratzer, hinab auf Saigon. Wir entschieden uns für das höchste der Stadt, den Bitexo Financial Tower. Für gut 7 Euro fuhren wir hinauf in die Aussichtsetage im 49. Stockwerk. Was soll ich sagen – das Geld war es wert! Der 360°-Blick auf Saigon ist schlichtweg beeindruckend. Erst jetzt wurde uns bewusst WIE groß die Stadt eigentlich ist und wie unfassbar klein der Ausschnitt ist, den wir gesehen haben. Für uns war es ein perfekter Abschluss unserer Reise durch Vietnam, denn danach ging es mit dem Taxi zum Flughafen. Bei Abflug verabschiedete sich Saigon dann noch mit einem spektakulären Lichtermeer und wir nahmen Kurs auf Siem Reap in Kambodscha.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.