Tanger

Insidertipps von Autorin Miriam Spies

Das Café Hafa Tanger

Miriam Spies ist Autorin des Roadtrip-Romans “Im Land der kaputten Uhren”, in dem sie von ihrer Reise und den Begegnungen in Marokko erzählt. Zu ihrem Buch habe ich sie bereits in diesem Interview mit Fragen gelöchert. 

Nachdem ich selbst gerade erst aus Marokko zurück bin, wollte ich aber noch mehr von ihr wissen. Miriam ist mittlerweile ein richtiger Insider – vor allem für Tanger, die Stadt im Norden von Marokko.

Deshalb habe ich sie gebeten mir – und dir – ihre Lieblingsplätze in Tanger zu verraten.

Bühne frei – und Vorsicht beim Lesen: es kann sein, dass du dir danach unbedingt sofort ein Flugticket nach Tanger kaufen möchtest!

Miriam Spies

Der Zauber von Tanger

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man den Zauber, den Tanger verströmt, jemandem vermitteln kann, der ihn noch nie mit dem eigenen Herzen gesehen hat. Ich selbst habe von ihm gelesen, lange, bevor ich zum ersten Mal dort war. Geschichten und Gedichte, Romane und Reiseberichte von Menschen, in denen jenes Leuchtfeuer brannte, das diese Stadt in einem zu entfachen weiß. Durch sie bekam ich eine vage Ahnung vom Ausmaß dessen, was einen dort erwartet.

Wie die Motten das Licht, umkreisten Schriftsteller, Maler und Musiker über die Jahrhunderte hinweg die weiße Taube auf der Schulter Afrikas. Und alle kamen sie mit leuchtenden Augen zurück – oder blieben einfach direkt dort. Hans Christian Andersen ließ sich dort 1862 von den Geschichtenerzählern faszinieren. Henri Matisse wurde 1912 vom Licht der alten Hafenstadt zu einigen seiner bedeutendsten Bilder inspiriert. Und Brian Jones wurde dort 1968 auf der Suche nach ihm unbekannten Klängen und Rhythmen fündig. Tennessee Williams, Francis Bacon, Samuel Beckett, Jean Genet, Roland Barthes, Paul Bowles, William S. Burroughs, Truman Capote – sie alle waren dem Zauber von Tanger erlegen und setzten ihm in ihren Werken ein Denkmal.

Aber nicht nur sie. Tanger wurde über die Jahrhunderte zum Sehnsuchtsort für Glückssucher aller Art. Vor allem in der Zeit als Internationale Zone zwischen 1923 und 1956 gaben sich hier hochrangige Diplomaten, Agenten, Piraten, Schmuggler, Prostituierte und Homosexuelle aller Herren Länder die Klinke in die Hand. Sie alle hinterließen ihre Spuren und verliehen der Stadt den Anstrich einer verruchten Diva, der ihr noch heute anhaftet.

All das wissend reiste ich 2014 erstmals nach Tanger. Und was ich dort vorfand, spottete allen Beschreibungen: Dieses sonderbare Licht, wundersam gebrochen am schäbigen Schick der weißen Hauswände. Die Architektur, eine eigentümliche Mischung marokkanischer und europäischer Baustile. Die Dachterrassen, die Balkone und all die schiefen und krummen Treppenstufen, die die gesamte alte Medina durchziehen. Die verwitterten, uralte Geheimnisse hütenden Pforten und Türen. Die Stadttore, Eingänge in magisch-realistische Zwischenwelten. Die Geschichten, die in den verträumt-verwinkelten Gassen wohnen. Und die historisch bedingte aufrichtige Neugier der Einheimischen Fremden gegenüber.

Tanger war Liebe auf den ersten Blick. Und in diesem kleinen Gastbeitrag möchte ich euch ein paar meiner Lieblingsorte vorstellen.

Matisse-Fenster

Wenn ihr vom Grand Socco, dem zentralen Platz in Tanger, die Avenue dʾAngleterre entlanggeht, stoßt ihr nach wenigen Metern unwillkürlich auf das Grand Hôtel Villa de France. Hier residierte zwischen 1912 und 1913 der französische Maler Henri Matisse. Und zwar im dritten Stock in Zimmer Nummer 35.

Das Zimmer gibt es immer noch, auch wenn es nicht mehr ganz so aussieht wie damals. Ein Durchbruch machte aus zwei Zimmern eins und auch die Möbel wurden ausgetauscht. Was es aber noch gibt ist das Fenster, von dem aus Matisse die Aussicht über Tanger malte. »La Fenêtre à Tanger« heißt das Gemälde und zeigt den Blick auf die St. Andrews Church, das weiße Minarett am Horizont und das Meer. Gegen ein Lächeln und ein optionales Trinkgeld könnt ihr den Raum besichtigen, sofern er gerade nicht belegt ist. Ein nostalgisches Herzklopfen stellt sich ein, wenn man da steht, wo auch Matisse seiner Zeit stand und das sieht, was er sah, als er das Bild malte.

Aber nicht nur wegen dieses Zimmers lohnt sich eine Übernachtung, ein Dinner oder ein Abend hier. Überall im detailverliebten Dekor des altehrwürdigen Hotels finden sich Reminiszenzen an Matisse. Wen auch das kaltlässt, der kann sich vielleicht für den gepflegten Swimmingpool, die lauschige Piano-Bar, die weitläufige Terrasse, auf der man Essen oder nachmittags einen Kaffee genießen kann, die große Grünanlage, den prunkvollen Speisesaal mit Kamin oder den beeindruckenden Ausblick auf die Stadt und das Meer erwärmen. Ich jedenfalls bin dort sehr gerne.

Park Perdicaris

Der Trubel in Tanger ist schön – aber wenn ihr Lust auf einen entspannten Tag im Grünen haben solltet, kann ich euch den Park Perdicaris empfehlen. Der liegt etwa 20 Minuten außerhalb der Stadt. Hin kommt ihr ganz bequem mit einem Sammeltaxi oder einem Bus. Beide fahren gegenüber der Moschee Hassan V. ab.

»Park« ist eigentlich völlig untertrieben. Das Areal ist riesig und besteht zum größten Teil aus Wald, der von Wanderwegen durchzogen ist. Unterwegs gibt’s etliche Bäume und Pflanzen zu entdecken, deren Namen und Herkunftsländer man kleinen Schrifttafeln entnehmen kann. Und mit ein bisschen Glück lassen sich auch Vögel in den Wipfeln der uralten Bäume beobachten. Von einigen Stellen des Parks aus hat man eine traumhafte Aussicht aufs Meer.

Wenn euch Wandern nicht so liegt, könnt ihr in dieser malerischen Kulisse auf einem der vielen dafür eingerichteten Plätze Picknicken, euch auf dem Trimm-dich-Pfad sportlich betätigen, eine Segway- oder Kameltour machen – oder im angrenzenden Restaurant Domahana essen gehen.

Interessant ist nicht nur der Park, sondern auch die Geschichte, die sich hinter ihm verbirgt:

Angelegt wurde er im Jahr 1872 von dem amerikanischen Diplomaten Ion Hanford Perdicaris für dessen Frau. Auf rund 70 Hektar Land, gelegen im an die Stadt angrenzenden Remilatt Wald, ließ er für sie eine Vielzahl einheimischer und exotischer Gewächse pflanzen und Wege anlegen. Es dauerte nicht lange, bis unzählige Vögel dieses Naturparadies für sich entdeckten.

Als der Amerikaner und einer seiner Stiefsöhne 1904 entführt und schließlich gegen ein immens hohes Lösegeld wieder freigelassen wurden, verließ die Familie das Land. Den Park und die dazugehörige Villa verkaufte Perdicaris an Pascha Glaoui.

Seit 1959 ist das Gelände Eigentum des Königreichs Marokko. 2011 sollte es zur Bebauung freigegeben werden. Die eigens dafür gegründete Organisation OPEMH (L’Observatoire de Protection de l’Environnement et des Monuments Historiques de Tanger) wusste das allerdings zu verhindern und setzte die öffentliche Nutzung dieses Landstriches durch. Bis heute kümmert sie sich um die Instandhaltung.

Librairie des Colonnes

Wenn euch bei eurem Tanger-Besuch die Reiselektüre ausgeht, dann kann euch geholfen werden. Und zwar in der Librairie des Colonnes. Die kleine, lauschige Buchhandlung liegt in der Avenue Pasteur, also fußläufig von der alten Medina. Bücher findet ihr dort in arabischer, französischer, spanischer und englischer Sprache, darunter teils Klassiker, teils spannende Publikationen von kleinen, bibliophilen Verlagen. Nur Schund sucht man hier vergeblich.

Wenn euer Herz bei guten Geschichten höher schlägt, dann seid ihr hier gut aufgehoben. Und zwar gleich im doppelten Sinne. Denn die unscheinbare Buchhandlung, die 1949 eröffnet wurde, war seinerzeit ein wahrer Magnet für all die Schriftsteller, die sich in Tanger tummelten. Hier wurde nicht nur Literatur verkauft, hier wurde darüber diskutiert und sich gegenseitig inspiriert. So wurde die Librairie de Colonnes bald zum Wohn- und Lesezimmer berühmter Schriftsteller wie Samuel Beckett, Jean Genet, Juan Goytisolo, Tennessee Williams, Truman Capote, Paul Morand und vielen, vielen anderen, deren Werke sich bis heute in den Regalen der Buchhandlung finden.

Durch die Jahrzehnte hindurch war dieser Ort ein Schutzraum für Meinungsfreiheit, Andersdenkende und Diversität, der sich stets um den Brückenschlag zwischen den verschiedenen Nationen und Welten verdient gemacht hat. In der vereinnahmenden Stille dieses seelenstreichelnden Ruheraumes lassen sich nicht nur wahre literarische Schätze heben. Fragt einfach mal nach, wann hier die nächste Lesung, der nächste Vortrag oder die nächste Ausstellung stattfindet. Denn zum Glück ist die Librairie des Colonnes nach wie vor nicht einfach nur eine Buchhandlung, sondern vielmehr eine Heimat des Geistes mit langer Tradition.

Princesse Lalla Abla

Tanger ist eine Stadt im Wandel. Immer wird irgendwo etwas gebaut oder saniert oder eingerissen oder umfunktioniert. Jedes Jahr, wenn ich komme, hat sich wieder irgendwas verändert. (Das hat gute Gründe, die hier aufzuführen aber vermutlich zu weit führen würde.)

2018 weihte König Mohammed VI. eine neue Moschee ein: die Hafen-Moschee Princesse Lalla Abla – benannt nach seiner Großmutter Lalla Abla bint Tahar. Jetzt könnte man natürlich fragen, wofür um alles in der Welt Tanger noch eine Moschee braucht. Die Frage strich ich allerdings sofort, als ich die Prinzessin am Meer zum ersten Mal sah. Und übersehen lässt sie sich schlecht: Die »Prinzessin«, in weiß und gold gehalten, mit kunstvollen Ornamenten versehen, liegt am Ende der Avenue Mohammed VI. und ist mit ihren 5712 Quadratmetern Grundfläche sowohl von der Kasbah als auch vom Meer aus zu sehen. 26 Millionen marokkanische Dirham ließ sich Mohammed VI. dieses imposante Monument kosten.

In Tanger schläft man gerne lange. Tagsüber vermeidet man unnötige Hektik. Aber sobald die Sonne untergeht, läuft man zu Hochtouren auf. So verhält es sich auch mit der Lalla Abla: Bis zum Einbruch der Dunkelheit liegt sie stolz, aber faul am Meer, um sich von der Sonne bescheinen zu lassen. Erst nachts entfaltet sie ihre ganze Schönheit: Durchflutet von Licht, überflogen von Möwen, umringt von Bewunderern, zieht sie Einheimische wie Touristen gleichermaßen in ihren Bann: filigran, grazil, anmutig und doch von unübersehbarer Größe. Und auch wenn einem als Nicht-Moslem der Zutritt verwehrt bleibt: Selbst von außen betrachtet ist die märchenhafte Moschee einen spätabendlichen Besuch mehr als wert.

Dar Gnawa Tangier

Als ich 2019 in Tanger war, bin ich an einem frühen Abend am Borj El Hajoui, der alten Festungsanlage unterhalb des Petit Socco, vorbeigeschlendert. Eine der alten Türen war nur angelehnt und aus dem Gewölbe kamen hypnotische Rhythmen und lauter Gesang. Rhythmen, die sich augenblicklich mit meinem Herzschlag synchronisiert haben. Nachdem ich eine Weile vor der Tür hin und her geschlichen war, überwog meine Neugier und ich öffnete die Tür. Zum Glück. Denn dahinter erwartete mich die fabelhafte Welt der Dar Gnawa.

»Dar« ist das arabische Wort für »Zuhause«. Gnawa-Musik ist hochspirituelle Musik, die von den Nachfahren westafrikanischer Sklaven gespielt wird. Dar Gnawa ist eine Gruppe von Musikern, die sich um den Gnawa Meister, den Maâlem, Abdellah Boulkhair El Gourd, versammeln. Und auch wenn der 1947 in Tanger geborene Maâlem auf den ersten Blick ein kleiner, unscheinbarer Mann ist, begreift man intuitiv schnell, dass die positiven Schwingungen, die hier in der Luft liegen, von seiner Aura, seinem Charisma ausgehen. Er war es, der aus diesen Räumen eine Begegnungsstätte, ein Museum, einen Proberaum, eine Konzerthalle, ein Schulungszentrum machte und damit der Gnawa-Musik in Tanger ein Zuhause gab.

Die Gruppe ist weit über die Grenzen Marokkos für ihre Zeremonien bekannt, spielt auf Festivals in der ganzen Welt und stand schon gemeinsam mit internationalen Jazzlegenden wie Randy Weston, Archie Shepp oder Akosh auf der Bühne. Wenn sie nicht gerade auf Tour sind, sind sie in ihrem »Zuhause« in Tanger anzutreffen, wo sie allabendlich spielen. Die Tür steht jedem offen, der sich in die Sessions einklinken oder etwas über Gnawa lernen will. Das Herz der Musiker steht jedem offen, der sich bei Tee und Gebäck mit ihnen unterhalten oder einfach vom tranceartigen Sog der polyrhythmischen Musik mitreißen lassen will. Einen Besuch dort kann ich euch nur empfehlen.

Charf Hill

Tanger bei Tag ist etwas völlig anderes als Tanger bei Nacht. Und der perfekte Ort, von dem aus sich der Moment der mystischen Metamorphose, in dem das eine in das andere Tanger übergeht, beobachtet lässt, ist Colline du Charf. Und das ganz ohne Glanz und Gloria – zumindest was den Ort angeht. Ein absoluter Geheimtipp, selbst unter Marokkanern. 93 Meter über n. N. befindet sich auf diesem unscheinbaren Hügel ein winziger Platz mit ein paar steinernen Tischen und Bänken, gesäumt von einer Rasenfläche und ein paar Bäumen.

Hinter dem Platz: ein kleiner, namenloser Teeausschank, an dem es für schmale 5 DHS, also 0,50 Cent, Minztee gibt. Auf und neben dem Platz: ein paar Tanjawis, die Karten oder Ball spielen, picknicken oder einfach dasitzen. Vor dem Platz: ein einzigartiger Ausblick über ganz Tanger. Der Blick auf die weiße Stadt ist besonders eindrucksvoll, wenn die Sonne sie mit ihren letzten Stahlen überflutet, bis sie schließlich hinter ihrer Silhouette im Meer versinkt. Nach und nach gehen dann die ersten Straßenlaternen und Lichter in den Häusern an und tauchen die Stadt in dieses orangefarbene 1001-Nacht-Licht, das dem nächtlichen Tanger seinen mystischen Anstrich verleiht.

Wie zu nahezu jedem Ort der alten Schmugglerstadt gibt es auch zu diesem eine Legende: Ihr zufolge ist der Hügel die Grabstätte von Antäus, Sohn des Poseidon und der Gaia, Beschützer der Berber. Bezwungen wurde er von Herkules, der genau wie Antäus in einer Höhle in Tanger lebte.

Zu Fuß kann ich euch den weiten Aufstieg über die steil mäandernde Straße, die durch die prekären Randbezirke Tangers führt, nicht empfehlen. Am besten nehmt ihr also ein Petit Taxi für 20 DHS.

Cinema Rif

Ein Ort, der nicht nur die Herzen von Cineasten höherschlagen lässt, ist die Cinémathèque de Tanger. Das 1938 als Cinema Rif eröffnete Lichtspielhaus wurde 2007 wiedereröffnet und zählt seitdem zu den ambitioniertesten Programmkinos Marokkos. Neben aktuellen Produktionen aus dem arabischsprachigen Raum (mit englischen oder französischen Untertiteln) werden hier Filme aus aller Welt gezeigt, meist im Originalton mit arabischen Untertiteln. Das Programm umfasst Spielfilme, Dokumentationen, Experimental- und Animationsfilme, sodass alle Alters- und Interessensgruppen auf ihre Kosten kommen. Daneben finden regelmäßig allerlei Vorträge, Workshops und Festivals statt. Sogar ein umfangreiches und gut gepflegtes Filmarchiv mit einer kleinen Bibliothek befindet sich in dem historischen Gebäude.

Die Cinémathèque de Tanger ist aber mehr als das: Mit seinem musealen Foyer und dem Café ist sie längst zum Treffpunkt für ortsansässige und durchreisende Filmemacher, Künstler, Jugendliche, Studenten, Touristen und Nostalgiker geworden. Das gesamte Interieur ist eine liebevolle Reminiszenz an das Medium Film. Unter den Augen von Humphrey Bogart und anderen Filmgrößen kann man hier eine Pause vom regen Treiben in der Medina einlegen.

Wenn der Vorplatz des Kinos nicht gerade für große Open Air-Screenings genutzt wird, sitze ich hier gerne, um bei einem Mocca oder einem Minztee das Treiben auf dem Grand Socco zu beobachten, an dem das Kino gelegen ist.

Café Hafa

Wenn ich in Tanger bin, pflege ich gewisse Rituale. Eins davon ist: direkt nach meiner Ankunft erst mal ins Café Hafa zu gehen.

»Hafa« ist das marokkanische Wort für »Klippe« und damit nicht nur der Name dieses Ortes, sondern gleichzeitig dessen Lagebestimmung. Das Freiluft-Café mit den schmalen, kaskadenartig in die Klippen hineingebauten Balkonen befindet sich ganz im Norden der Stadt und bietet durch seine Lage einen malerischen Blick auf das Meer und das 14 Kilometer entfernte Spanien. Die heruntergekommenen Plastikstühle an den kleinen Mosaik-Tischen tun der Atmosphäre dabei keinerlei Abbruch. Bei Minztee, der hier 10 DHS kostet und an die Tische gebracht wird, und in Papiertüten eingeschlagenen Nüssen, die zwischen 2 und 5 DHS kosten, treffen sich hier Touristen und Einheimische, um Brettspiele oder Karten zu spielen, Freunde zu treffen, versonnen aufs Meer zu schauen oder einfach ihren Gedanken nachzuhängen. Das war schon in den Anfängen des Cafés so und daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Wegen dieser meditativ inspirierenden Kulisse war das Café Hafa seit seiner Eröffnung 1921 auch stets ein Anlaufpunkt für die schreibende, kunstschaffende und singende Boheme: Nicht nur die Beatles und die Rolling Stones, auch Hemingway, Truman Capote, Paul Bowls oder William S. Burroughs nahmen hier ihren Al-chai bi naanaa, wie der süße Minztee auf marokkanisch genannt wird, zu sich. Wenn der Wind über die alten, weiß gekalkten Mauern und durch die Kronen der knarzigen Bäume streift, trägt er ein leises Murmeln über die Balkone des Cafés. Fast so, als würden sie noch heute die Geschichten von den prominenten Besuchern dieses verträumten Ortes erzählen. Und auch wenn das Glück hier Vintage trägt: Staub hat es keinen angesetzt.

Chez Gnawa

Es gäbe noch so vieles in Tanger, was ich euch gerne ans Herz legen würde. Aber das würde den Rahmen sprengen. Von einem ganz besonderen Ort muss ich zum Schluss aber doch noch erzählen.

Läuft man vom Petit Socco aus in Richtung Tombeau Ibn Battouta, kommt man an einem kleinen Haus vorbei, über dessen Tür ein unscheinbares Schild hängt: »Chez Gnawa – Vente Réparation des Instruments« steht da in geschwungener Handschrift. Vor der Tür liegen unfertige Korpusse von Lauten. Hinter der Tür verbirgt sich der Arbeitsplatz eines Instrumentenbauers. Viel Platz ist nicht in der kleinen Werkstatt von Bild Sahar Bambara. Den braucht er aber auch nicht, um seine meisterhaften Klangkörper zu bauen: ein kleiner Raum mit winziger Werkbank, ein paar Werkzeuge, ein Maßband, ein Bleistift, Holz, Kuh- und Dromedar-Felle, Saiten, diverse Zierelemente und die Liebe zur Perfektion, das genügt ihm.

Es dauert Tage, bis aus einem Haufen Holz schließlich eine einzigartige Gimbri, eine dreisaitige Langhalslaute, wird. Zu guter Letzt verziert er ihre Felle mit Henna-Ornamenten – jede anders, versteht sich, jede so, wie es zu ihr passt. Dabei lässt er sich gerne über die Schulter schauen. Bambara, Sohn eines Gnawa-Musikers, ist hoch konzentriert, wenn er vermisst, schraubt, hobelt, poliert, leimt oder sägt. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten erzählt er mit lodernden Augen über »sein« Instrument, seinen Beruf, davon, worauf es bei seinem Handwerk ankommt und natürlich über die Gnawa-Tradition.

So lernt man von ihm zum Beispiel, dass Gnawa-Musik hoch spirituelle Musik ist, die auf Sklaven zurückgeht, die seit dem 11. Jahrhundert aus Mauretanien, Senegal, Niger und Mali nach Marokko verschleppt wurden. Tagsüber gehörten sie ihren Herren, nachts aber der Musik. Einer spirituellen Musik, mit der sie höhere Mächte darum anriefen, ihnen Kraft zu verleihen, die Qualen der Sklaverei durchzustehen. Typisch für diese Musik sind vor allem vier Instrumente: Die Gimbri, die Sintir, ebenfalls eine Langhalslaute, die Tbal, eine Fasstrommel und die Qaragib, metallenen Gefäßklappern. Das Herz von Bild Sahar Bambara aber schlägt für die Gimbri – und das sieht man seinen Instrumenten an.

Miriams Roman “Im Land der kaputten Uhren” habe ich gelesen und kann es absolut empfehlen!

Der Button führt auf amazon.de und ist ein Affiliate-Link. Wenn du über diesen Link einkaufst, bekomme ich eine winzig kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis natürlich nicht!

Im Land der kaputten Uhren