Vanlife-Interview

mit Marco und seinem VW LT45 “Momo”

Heyho ihr Lieben,

 

ich bin Marco von “Momo_the_Womo”, habe die 30 bereits hinter mir gelassen und komme ursprünglich aus Erfurt/Thüringen.

 

Die letzten 13 Jahre war Leipzig meine Wahlheimat. Hier habe ich zunächst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger abgeschlossen und anschließend 2 Jahre in diesem Beruf mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Anschließend drückte ich für 4 weitere Jahre die Schulbank und darf mich heute staatlich-anerkannter Sozialarbeiter/-pädagoge nennen. Ein sehr schöner und doch kräftezehrender Beruf, den ich die letzten 4 Jahre in diversen sozialen Bereichen ausgeübt habe. Warum ich den Beruf nun zunächst niedergelegt habe? Das werdet ihr folgend bestimmt noch erfahren…

 

Doch zunächst zu meiner rollenden Wegbegleiterin. Sie heißt „Momo“ (inspiriert durch das gleichnamige Buch von Michael Ende) und ist ein VW LT45 aus dem Jahre 1986. Sie ist somit schon eine Oldi-Dame mit H-Kennzeichen. Bis zum Tag ihrer Transformation zum rollenden Zuhause, war sie in ihrem ersten Leben als Lastentier auf Baustellen im Einsatz.

Wann und vor allem wieso hast du dich dazu entschlossen, dir einen Van zu kaufen?

Zum vorletzten Jahreswechsel habe ich das vorangegangene Jahr für mich reflektiert und daraufhin überlegt, was ich mir für mich und mein Leben das kommende Jahr eventuell ändern kann – ich musste feststellen, dass ich die vergangenen Jahre hauptsächlich für andere Menschen und deren „Problem“ gelebt habe und gleich einem Feuerwehrmann von einem brennenden Feuer zum Anderen, von einem Hilfetermin zum Nächsten gerannt bin – die Vorstellung, dass meine Jahre so bis zur Rente aussehen werden, machte mir Angst und der Entschluss war gefasst.

Mit einem alten VW-Bus Europa erkunden! Auszeit, Reißleine ziehen, Abstand gewinnen und auf sich selbst besinnen. Neu sortieren, ausrichten und ganz viel neues dazulernen! Für ein modernes Wohnmobil war das Geld nicht da. Abgesehen davon, träumte ich schon seit meiner Jugend von einem alten Bus. Nach 3 Wochen Suche übers Inet stand Sie in einem Inserat vor mir – es war Liebe auf den ersten Blick und ich wusste, Sie soll es sein, auch wenn es noch einiges an Arbeit kosten würde. Das wiederum war mir recht, so konnte ich endlich mal meine zwei rechten Hände (als Linkshänder) aktivieren. Den Erfolg der eigenen Arbeit selbst in der Hand und nicht, wie in meinem Beruf, von anderen Einflüsse abhängig.

Erzähl von deinem Van-Umbau!

Momo war laut Papier Mitte Februar adoptiert, es sollte dennoch bis Juli dauern, bis wir uns endlich in die Arme nehmen und ich sie nach Hause holen konnte. Bis unser gemeinsames Abenteuer losgehen sollte, vergingen weitere 8 Monate. Ich hatte das Jahr zuvor erst einen neuen Fall mit einem traumatisierten Jugendlichen angenommen und wollte mit gutem Gewissen diesen Fall beenden. Dies dauerte letztlich bis Ende November und ich hatte nur nach der Arbeit und am Wochenende Zeit, um mich um Momo zu kümmern.

Ich verbrachte einige Stunden/Tage mit der Recherche für den Umbau und es kostete mich einige schlaflose Nächte, in denen ich gedanklich wie wild hin und her konstruierte. Der Gedanke daran, was alles noch erledigt werden müsste, brachte natürlich auch nicht den gewünschten Schlaf. Der Umstand, dass ich lediglich auf dem Parkplatz von meinem Kleingarten an Momo arbeiten konnte und nur selten Strom zur Verfügung hatte, erschwerte das Vorankommen zusätzlich.

Zum Glück hatte ich tatkräftige Unterstützung von Freunden. Vor allem das Thema Stromversorgung machte mich fertig. Einen Elektriker zum Freund zu haben ist Gold wert! Auch ein befreundeter Innenarchitekt erstellte für mich einen Plan vom Inneren, der immer wieder freestylemäßig über den Haufen geworfen wurde. Auch die Vanlifemanufaktur Erfurt unterstützte mich tatkräftig und ich konnte ein paar Tage in den heiligen Hallen arbeiten. Zudem mussten einige Operationen an Momos Organen durchgeführt werden. Neue Reifen, neue Bremsen mit Leitungen, ein/zwei Stellen schweißen, Lüftungsmotor und neuer Kühler, mittlerweile neue Lichtmaschine, neuer Dieselfilter und eine neu eingestellte Dieseleinspritzpumpe. Um nur kurz einen groben Einblick zu geben, dass auch ein älteres Fahrzeug einiges an Wehwehchen und Arbeit mit sich bringt.

Unterstützung bekam ich zudem von Paul Camper. Das Team hatte 2018 einen Communityfund ins Leben gerufen, auf den man sich schriftlich und anschließend mit Bewerbungsvideo bewerben konnte. Durch die Unterstützung von Mogli von LifeofBalu beim Schneiden des Videomaterials und meine bemitleidenswerte Art, klappte es und ich wurde bei den Ausbaukosten mit 1000 Euro unterstützt. Wieviel der komplette Umbau mit allen Reparaturen insgesamt gekostet hat? Das kann ich nicht wirklich in Zahlen ausdrücken. Ich würde schätzen das inzwischen, mit Anschaffung, gute 8000 Euro für den guten Zweck investiert wurden.

Du und dein Van: was bedeutet dein Camper für dich?

Der ganze Aufwand hat sich mehr als gelohnt – jede Minute beim Arbeitsamt und bei der Versicherungsfrau des Vertrauens, sind mittlerweile vergessen. Anfang des Jahres war es endlich soweit. Die Wohnung aufgelöst, von materialistischem Ballast befreit und den Job hinter mir gelassen – ab ins Vollzeit-Vanlife.

Während ich diese Zeilen hier schreibe, stehe ich gemeinsam mit Momo direkt am Atlantik bei 30° in El Palmar. Momo ist somit mein dauerhaftes, rollendes Zuhause und Erkundungsmobil. Bisher haben wir neben Süddeutschland, Österreich, die Schweiz und Frankreich durchstreift. Seit 2 Monate lassen wir uns durch Spanien treiben. Mal in den Pyrenäen und dem wundervollen Inland und dann wieder, wie jetzt, ab ans Meer.

Genau darin liegt der Reiz. Es gibt so unglaublich viel zu entdecken. Man ist jederzeit flexibel und mobil, sodass man mit der Freiheit auf seiner Seite, unabhängig von Verpflichtungen und Terminen, sein Leben gestalten und mehr und mehr zu sich selbst finden kann. Ein sehr abwechslungsreiches Leben, bei dem du selber der Taktgeber bist. Du kannst Städte erkunden, dein Geschichtswissen und Englisch auffrischen, oder genauso gut auf 1700m an einem Bergsee in die Natur- und Tierwelt der Nacht hineinlauschen und am nächsten Morgen bei Schneefall in einer heißen Quelle abtauchen. Ich habe das Gefühl, ich lebe viel bewusster, habe die Zeit für Sport und eine ausgewogene Ernährung, nehme meine Umgebung viel genauer wahr – zu oft leider auch den vielen Müll und was der Mensch mit unserer Mutter Erde veranstaltet – und lerne viele neue, liebenswerte Menschen kennen.

Wie funktioniert dein Leben im Camper?

Aktuell finanziere ich mir dieses Leben durch mein vorheriges Leben, sprich von erarbeitetem und erspartem Geld. Das Gute: die Ausgaben sind relativ überschaubar. Klar, der größte Kostenfaktor ist der Diesel. Dafür muss man monatlich keine Miete zahlen und dadurch, dass ich nur wild stehe und nicht für Campingplätze zahle, spare ich einiges an Ausgaben ein.

Zudem gehe ich bewusster und gezielter Einkaufen. Somit landet das Geld nicht im Müll und ich kaufe nur so viel ein, wie ich auch wirklich verbrauche. Und wenn man dann auf andere Vanlifer trifft, dann wird schnell mal alles zusammengeschmissen und gemeinsam gekocht. An sich reise ich alleine mit Momo, aber ich freue mich immer wieder neue Menschen kennen zu lernen. Natürlich genieße ich es auch, die Zeit alleine mit einem guten Buch in der Hand zu verbringen – aber zu einem gemütlichen Abend mit Bier, Wein, einem spannenden Würfel-Duell und anschließenden Feuerchen kann man nicht nein sagen.

Die Schattenseiten des Vanlife: was nervt dich manchmal daran?

Natürlich klingt das alles sehr verlockend und wenn man sich mit dem Vanlife ein wenig beschäftigt, dann bekommt man immer den Eindruck – alles super easy, immer alles pickobello aufgeräumt, ein Traumstellplatz jagt den Nächsten, ausschließlich Sonnenschein. Aber dieser Sonnen-Schein trügt. Es ist natürlich eine ganz andere Art des Lebens, aber auch dieses Leben bedeutet, Herausforderungen zu bewältigen, sich zu organisieren und aus Rückschlägen gestärkt herauszukommen. Man verzichtet auf jegliche Sicherheit und seinen bekannten Rahmen. Lässt Familie und Freunde zurück – Heimweh macht sich breit, alleine sein kann auch hart sein – man hat kein geregeltes Einkommen und auch ein anderes Land mit seiner Kultur ist nicht immer auf Anhieb verständlich. Sprachbarrieren und Verständnisprobleme machen es zudem nicht leichter.

Und dann passiert es, du bleibst mitten auf der Landstraße liegen und nichts geht mehr. Du bist doch wieder abhängig von anderen Menschen und dieses Mal bist du es, der Hilfe benötigt. In solchen Momenten verfluchst du es, soweit weg zu sein und im nächsten Moment bist du heil froh, dass du gut geplant und dich auf solche Situationen vorbereitet hast – also gelbe Weste anziehen, Warndreieck aufgestellt und auf die gelben Engel vertrauen. Und somit überwindest du auch solche Herausforderungen und es geht weiter.

Auch die lieben schlaflosen Nächte gibt es. Mal sind es Hunde in der Umgebung, die sich die ganze Nacht lautstark unterhalten. Einheimische die musikhörend in ihrem Auto sitzen und Jugendliche die ihre kleinen Mopeds über den Stellplatz jagen. Dann das Kleinkind aus der Nachbarschaft, das auch nicht schlafen kann. In der nächsten Nacht bist du auf Mücken- und Fliegenfang und dann bist du auf einmal dem heftigen Levante (Windstrom aus Afrika kommend) ausgesetzt, der deinen Van und dich ordentlich hin und her pustet.

Ich kann nicht ohne…: Deine wichtigsten und liebsten Reisebegleiter für deinen Van

Das bringt mich zu meinem liebsten oder besser gesagt, notwendigsten Reisebegleiter: Ohrstöpsel und Vorhänge können süße Träume retten! Des Weiteren bin ich froh über Küche und Klo in Momo. Morgens sich einen frischen Kaffee aufzubrühen und nicht auf Klo-Platz-Suche gehen zu müssen, ist mein persönlicher Luxus (vor allem, wenn man in Städten über Nacht steht).

Mein zweiter persönlicher Luxus ist die Musik. Ich habe mir eine gute Soundbox und einen 12V-Plattenspieler zugelegt. Somit habe ich eine kleine Auswahl meiner Plattensammlung immer mit dabei und habe ein starkes Gefühl, wirklich Zuhause zu sein. Desweiteren möchte ich mein kleines blaues Fahrrad und mein Longboard nicht missen. Tolle Begleiter, wenn es darum geht die Umgebung oder Städte zu erkunden und/oder den Kopf frei zu bekommen.

Pech und Pannen: erzähl von deiner blödesten Situation von unterwegs

Meine allererste Nacht in Momo. Ich war auf dem Weg ins Kliemannsland, um als Helfer beim jährlichen Weihnachtsmarkt mit zu werkeln. Letztlich waren es noch immer 80km bis nach Rüspel, ich sau müde und es bereits 23 Uhr. Natürlich sollte es ein wunderschöner Platz für die erste Nacht werden. Also auf Maps geschaut, ein See sollte es auf jeden Fall sein. Ich fuhr von der Landstraße ab und einen kleinen Feldweg entlang. In der Dunkelheit erkannte ich natürlich nicht, dass der vermeintliche See eher ein Tümpel war und dementsprechend die Umgebung eher Moor statt Wiese war. Ein kurzes Schlittern und es ging nix mehr. Am nächsten Morgen versuchte ich Stunden Momo aus eigener Kraft zu befreien. Klappspaten, Reisig, Ziegel, Holzbretter – nix half und so arbeitete ich mich immer weiter vor, zurück und gleichzeitig nach unten. Am Ende fand ich zum Glück Hilfe in der 10-Häuser-Gemeinde und ein Bauer mit seinem kleinen Deutz-Trecker befreite mich und Momo aus dem ganzen Schlammassel.

In Österreich besuchte ich einen langjährigen Freund. Es war Funkenzeit. Ein traditionelles Fest, bei dem riesige Holztürme angezündet werden und die Gemeinde sich gemeinsam ein Wochenende lang einen reinzwitschert. Auch an diesem Abend kam ich erst spät an und es war bereits dunkel. Eine geöffnete Schranke nahm ich nicht wahr und dachte mir nichts weiter dabei, dass Naturschutzschild übersah ich natürlich. Es war ein sehr schöner Stellplatz direkt am Bodensee. Wir gingen zum feuchtfröhlichen Abfackeln und als wir zurück zu Momo kamen, warteten bereits die Ordnungshüter auf uns. Meine Fahrtauglichkeit wurde per Gerät abgelehnt. Zum Glück waren die Polizisten sehr aufgeschlossen und einer meinte, er wollte eh schon immer mal mit einem so alten Bus fahren. Also alles gut, ich ihm erklärt wie alles funktioniert und so freute er sich wie ein kleines Kind, mit Momo zu fahren. Über die 30 Euro Bußgeld freute ich mich natürlich weniger, aber Abschleppen wäre bei weitem teurer geworden.

Dein Tipp für alle mit Van, oder die, die es werden wollen

Falls ihr den Wunsch in Euch verspürt, etwas in eurem Leben zu ändern – drückt dieses Gefühl nicht immer weg und leidet unnötig. Seht es als eine unbezahlbare Weiterentwicklung für Euch. Denkt nicht immer darüber nach, was wohl alles dagegen spricht. Selbst bei Fragen und Problemen werdet ihr nicht alleine da stehen. Es wartet eine große Community voller verrückter, liebenswerter, vanlife-begeisterter und hilfsbereiter Menschen auf euch!

Ich weiß, der erste Schritt ist immer der Schwierigste. Habt aber keine Angst vor der Veränderung und davor, eure Komfortzone zu verlassen. Auf Euch wartet ein viel größerer Komfort. Das Gefühl von Freiheit, von Unabhängigkeit und das des wieder Kind-sein-Dürfens. In uns schlägt von klein auf ein großes Entdeckerherz, welches wir im Laufe des Lebens immer mehr beschränken und in ungesunde Bahnen pressen. Lasst es frei und folgt eurem innersten Bedürfnissen und Wünschen! Unser Leben ist jetzt, das Geld kommt irgendwann zurück, unsere Lebenszeit nicht…

Vanlustige Grüße

Euer Marco von Momo the Womo

Mehr über Marco und Momo siehst du übrigens auf Youtube . Oder du stöberst einfach durch den Instagram-Kanal .

Du willst deinen Van auch hier vorstellen?

Cool! Dann schreib mir eine Mail an info@katetravels.de oder benutze das Kontaktformular.

 

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