Reiss aus – Teil 2

Zu Gast im Senegal und off-road durch Guinea

Im ersten Teil ihres Gastartikels erzählte euch Lena, warum sie und Ulli ihre sieben Sachen packten und mit ihrem Land Rover Terés nach Afrika brausten.

Ihre liebsten Ecken hat sie euch bereits verraten und wertvolle Tipps für einen Besuch in Afrika gegeben. 

Jetzt wird sie euch noch zwei Geschichten aus ihrer zweijährigen Westafrika-Reise erzählen. Ihr werdet die unglaubliche Gastfreundschaft Westafrikas kennenlernen und vielleicht bei einem Off-Road-Abenteuer in Guinea Nervenkitzel und Abenteuerlust verspüren…

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Wenn Oma weint

Senegal, Februar 2015, vier Monate unterwegs

Zuerst sein gigantischer Seesack, dann seine zwei Korbstühle, sein Gewehr und dann schiebt sich auch noch der riesengroße El Hadj ins Auto. Zusammengekauert zwischen seinem Kram, all unseren Wasservorräten, meiner Gitarre, den Hula-Hoop Reifen, Ullis Häkelsachen und den Longboards, hockt er neben der Kühlbox auf dem Sofa. Wir haben beim Losfahren einfach alles ins Auto geschmissen, zu dem wir zu Hause nie Zeit fanden. Alles, was wir schon immer lernen wollten. Bisher sind allerdings einzig und allein die Surfbretter auf dem Dach in Gebrauch. So ein Tag auf der Reise ist einfach zu kurz. Ich würde ja meinen Sitz mit El Hadj tauschen, wäre dieser nicht mittlerweile ein Feuchtbiotop, aus dem er niemals ohne klitschnassen Hintern wieder aussteigen würde, oder vorher im angesammelten Schweiß ertrinken. In Arschritzenwasser, wie Ulli und ich es liebevoll nennen. 51 Grad sagt das Thermometer. Kuschelig.

El Hadj ist nicht nur riesig, sondern auch komplett durchtrainiert. „Früher war ich beim Militär, heute sind es schon elf Jahre, die ich im Niokolo-Koba Nationalpark im Senegal als Ranger arbeite“, erzählt er. Optisch würde ich den Unterschied nicht erkennen können, er steckt von oben bis unten in Army Kleidung. Nach drei Monaten Arbeit hat er jetzt einen Monat frei. Und wir werden im Nu, auf den drei Stunden Fahrt zu ihm nach Hause, sowas wie Freunde. Mein seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr angewandtes Schulfranzösisch lässt mich genau zwei Sätze erinnern: „Wollen sie mit mir schlafen“ und „Ich kann kein Französisch“. Beides nicht gerade gesprächsfördernd. Ulli kann von Anfang an mindestens sechs Sätze mehr. Mit Händen und Füßen Reden reicht mir schon lange nicht mehr aus. Ich habe so viele Fragen und möchte unbedingt alle Antworten verstehen. Bei so viel ungestörter Zeit zu Dritt schlage ich einfach alles direkt im Wörterbuch nach.

El Hadj liebt seinen Job, durch den er schon viel rumgekommen ist. „Ich war schon überall: in Mali, im Senegal, Guinea und Gambia“, erzählt er stolz. „Und das Gewehr ist zur Verteidigung gegen die Tiere?“, die viel interessantere Frage, warum jemand in seiner Freizeit sein Gewehr mit nach Hause nimmt, kommt mir irgendwie gar nicht. Zu gewöhnt sind wir mittlerweile an den alltäglichen Anblick von Männern und Frauen mit Macheten und Gewehren für die Jagd und den Hausgebrauch. „Nein, wegen der Menschen. Viele Wilderer schlagen sich über den Gambiafluss in den Park und erschießen, was sie können. Sie verstehen nicht, warum sie heute nicht mehr genauso jagen sollten wie früher. Wenn sie erwischt werden, kann es zu harten Auseinandersetzungen kommen, denn auf Wilderei steht Gefängnis“, erzählt er. „Da will niemand rein. 1985 haben Wilderer sogar ein paar Ranger, die sie erwischt haben, ermordet“.

Wir sind fast da. Doch uns einfach so ziehen lassen, kommt nicht in die Tüte. Immerhin sind wir im Senegal und Teranga – Gastfreundschaft – ist  oberstes Gebot. Wenn du einen Fremden siehst, lädst du ihn ein, auf etwas zu Essen, zu Trinken, zum Übernachten… Die, die am wenigsten haben, teilen alles mit uns. „Ihr müsst unbedingt noch zum Abendessen mitkommen“, freut sich El Hadj „Ich rufe sofort meine Frau an, sie soll Fisch und Reis machen.“ Wir sind so weit weg vom Meer, von Seen und größeren Flüssen, ich frage mich schon, wieviel hier wohl Fisch kostet und wie oft sie das tatsächlich essen. Als er seine Frau am Hörer hat und uns dann verlegen fragt: „Sind Spaghetti und Ei auch ok?“, lachen Ulli und ich fast gleichzeitig. „Und wie“, freuen wir uns.

Zu Hause, das heißt für El Hadj, ein gemeinsamer Innenhof, um den beinahe seine ganze Familie wohnt. Genauer gesagt vier Familien aus Schwestern und Schwagern mit ihren Kindern, die Oma, seine Frau Mariama, der fünfjährige Mohammed und die einjährige Khadija. Gefühlt sind gerade alle daheim, als wir kommen. Der Einen werden im Hof die Haare gemacht, der Nächste kocht Tee, die Kinder spielen, ein Mädchen wäscht… es ist einfach so gemütlich. Der riesige Zaun um die kleine Siedlung herum besteht aus alten Bootsplanken. An der Seite gibt es eine Toilette, die auch gleichzeitig Dusche ist, einen Brunnen, aus dem der Eimer zum Duschen geholt wird, sowie das Abwasch- und Trinkwasser. Ein kleines separates Häuschen dient als Kochhütte, ein ausgehöhlter Baumstumpf als Lagerraum für Töpfe und Pfannen.

Die Frauen und der kleine Mohammed sind erst noch etwas zurückhaltend. Doch davon lasse ich mich nicht abschrecken. Ulli gesellt sich zu den Tee trinkenden Männern. Ich möchte lernen, wie die Frauen ihre Haare machen. Der Kamm hat es mir besonders angetan. Er ist handgeschnitzt, vielleicht kann er meine Haare retten? Die haben seit einem halben Jahr keine Bürste mehr gesehen und werden durch die Sonne, den Staub und das abwechselnde Brack- und Salzwasserduschen immer mehr zu Dreadlocks. Die Frauen kämmen sich ihre Rastazöpfe damit auf und Mariama macht sich sofort daran, mich ordentlich durchzubürsten. Sie streicht mir sanft über den Kopf und zeigt mir bewundernd, dass sie gern meine Haare hätte. Ich zeige ihr, dass sie sie gerne haben kann und ich dafür liebend gern ihre hätte. Scheint ein weltweites Frauenproblem zu sein, genau das haben zu wollen, was ich nicht habe. Hier trägt so gut wie keine ihre Naturkrause. Die Meisten stattdessen ratzekurze Haare und daran geknüpft schweres glattes Kunsthaar, aufwendig geflochtene Kunsthaarfrisuren oder Perücken. Was würde ich für einen wunderschönen Afro anstatt meiner träge runterhängenden blonden Haare tun.

Oma Khadjou, die kein Wort Französisch spricht, gewinnt mich scheinbar so lieb, dass sie dauernd das Bedürfnis hat, mir fest die Hand zu drücken. Woraufhin sie mich mit großen Zähnen anlächelt und kaum wieder loslässt. Ich bin total gerührt. Mohammed, der erst noch schüchtern von der anderen Seite des Hofes herüberlugt, ist ebenfalls schnell geknackt. Ich schnappe ihn mir einfach und kitzele ihn durch. Als er sich vor Lachen kaum halten kann, spielen wir fangen. Dann drehe ich mich mit ihm im Kreis, bis uns beiden so schwindelig ist, dass wir vor Freude kreischend auseinander taumeln. Liebe, ich empfinde ganz simpel und ehrlich Liebe für ihn. Für alle hier. Müde und selig setze ich mich auf die Bank neben Ulli und genieße das Gefühl, für einen Moment Teil dieser Familie zu sein. Vorhin noch als Fremde skeptisch bemustert, jetzt zumindest nicht mehr ganz so als Weiße, sondern als Ich gesehen zu werden. Ich, die nett ist, nicht beißt, mit der man Lachen und Spaß haben kann. Sogar ganz ohne Worte.

Die Spaghetti sind der Wahnsinn. Dazu gibt es ordentlich Palmölsoße, Ei und Baguette. Gegessen wird natürlich mit den Händen, alle zusammen aus einem Pott. Ulli und ich sind langsam in Übung. Was so viel heißt wie, es hängt nicht mehr alles in unseren Gesichtern, Haaren und auf dem Schoss. Was bisher immer für mitleidsvolle Blicke und viel Spaß auf Seiten der Anderen gesorgt hat.

Wir sind fix und alle, als El Hadj ein großes Moskitonetz holt und es auf der Terrasse aufhängt. Er schleppt eine nagelneue noch eingeschweißte Matratze aus dem Haus. Bettlaken übers Plastik, Decke als Kissen und fertig ist unser Nachtlager. Mitten im Innenhof der Familie. Wunderschön und gemütlich! Bei noch immer 39 Grad kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als draußen zu schlafen. Ich bewerte meine Nächte an der Anzahl der Toilettengänge. Gerade kann ich vorm Einschlafen 3 Liter trinken und muss nicht einmal raus. Auch hier draußen läuft uns die Hälfte der Nacht der Schweiß, dann wird es kalt.

Abschied. Ich bin sprachlos, Oma Khadjou lässt mich nicht mehr aus ihrer Umarmung. Sie drückt mich so doll, dass ich denke, sie macht Spaß. Bis ich etwas Kaltes, feuchtes in meinem Gesicht spüre. Dicke Tränen kullern ihre Wangen runter. „Sie ist dankbar. Ihr seid so tolle Menschen und sie hätte nie gedacht, dass sie einmal Zeit mit euch verbringt“, übersetzt El Hadj. Daraufhin fängt Mariama auch an zu weinen. Ich kriege eine Gänsehaut, dann laufen auch mir dir Tränen.

Volle Panne

Guinea, Juni 2016, 21 Monate unterwegs

„Stop“, rufe ich aufgeregt. Irgendwas stinkt ganz gewaltig. Ulli guckt mich verzweifelt an. Diese Piste durch das Fouta Djalon Gebirge gibt uns und Terés den Rest. Dabei dachten wir, wir sind jetzt Vollprofis, haben es mittlerweile richtig drauf. Aus unseren ursprünglich geplanten sechs Monaten Reise sind mittlerweile knapp zwei Jahre geworden. In denen wir zwar nicht mal 1/3 der Strecke Richtung Südafrika gefahren sind, dafür 46 000 km, mehr als einmal um die Welt und das nur in Westafrika.

Ulli steigt in die Bremse, wir rutschen über einen weiteren Felsen. „BUUUUUMMM“, es knallt gewaltig. „Gefährliche Piste, in der Regenzeit schwer befahrbar“ stand in der Straßenkarte, die Ulli von seinem Heimaturlaub mitgebracht hat. Die erste Straßenkarte auf der ganzen Reise, juchu, dazugelernt. Naja, nicht ganz. „Die Regenzeit hat ja erst angefangen und gefährlich, das ist ja auch Auslegungssache“, haben wir entschieden. Tja, jetzt ist die Kacke am Dampfen.

Wir sind noch keine drei Kilometer gefahren. Umdrehen ist nicht. Die Piste ist nichts weiter, als ein von Militär LKWs ausgefahrener Track durch den Gebirgszug, auf dem es keine Wendemöglichkeit gibt. Ulli hat die Schnauze voll. „Nie wieder fahre ich auf dieser Reise Offroad“, flucht er. Ich steige aus, um zu sehen wo der Gestank herkommt. Ulli checkt Terés Unterboden. Plötzlich stöhnt er laut auf: „Verfluchte Scheiße, der hintere Stoßdämpfer ist abgerissen“. Verdammt. Dummerweise ist dadurch auch die Feder aus der Verankerung gesprungen, die Quelle des Gestanks. Denn die Feder hat sich gegen unseren Reifen gelegt und schlitzt ihn nun bei jeder Umdrehung weiter auf. „Wenn wir jemals wieder auf eine Teerstraße kommen, verlasse ich die nie wieder, das ist die beschissendste Strecke, die wir jemals gefahren sind“, schimpft Ulli.

Ich versuche erfolglos, mir ein Grinsen zu verkneifen. Wir haben bereits so viel erlebt, Gutes wie Schlechtes, Trauriges wie Freudiges. Ich weiß, bin überzeugt, es wird sowieso alles gut! „Lass uns erstmal durchatmen und dann weiter sehen“, ich nehme Ulli in den Arm. Wir sind komplett durchgeschwitzt, völlig verdreckt, stehen unsere Kleider nach all dieser Zeit Leben im Auto und fahren ohne Klimaanlage mit offenen Fenstern, mittlerweile steif von uns ab.

Ulli baut den Stoßdämpfer ab, bindet mit einem Seil und Kabelbindern die Feder fest, nachdem er sie mit einer Brechstange zurück in die Verankerung gehoben hat. Wir rollen weiter. Die braun roten Felsen, das satte grüne Gras leuchtet unwirklich in dieser unfassbar schönen Landschaft. Terés rutscht, rollt, quietscht. Der Dachgepäckträger beginnt zu reißen. Wir holpern an einem Chamäleon vorbei, das an einem Grashalm hängt und uns irgendwie fragend ansieht. Ganz nach dem Motto: „Ist das euer Ernst?“. Das wissen wir gerade selbst nicht mehr so richtig.

Ulli lässt mich alle paar Meter aussteigen, um zu schauen, ob seine Konstruktion noch hält. Dabei bricht die Tür raus. Wir binden sie fest. Terés sieht langsam aus wie eine Kriegsverletzte mit all den Verbänden, die sie zusammenhalten. Ich zwänge mich ab jetzt durchs Fenster rein und raus. Nach fünf Stunden Fahrt haben wir 15 von 70 km geschafft. Es knallt erneut. Die vordere Feder ist gerissen…

Lenas Buch zur Reise

… hab ich gelesen und kann es absolut empfehlen!

Reiss aus: 46000 Kilometer durch Afrika

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Ab Februar 2019 sind Lena und Ulli auf Kinotour!

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