Leben in Costa Rica

Marie erzählt von ihrem FSJ in San José

Leben in Costa Rica

¡Buenos días!

Mein Name ist Marie, ich bin 18 Jahre alt und habe im Sommer 2018 mein Abitur gemacht. Danach war für mich klar: Bloß nicht direkt studieren. Bloß nicht arbeiten, bloß nicht direkt weitermachen. So bin ich dann für ein halbjähriges FSJ (Freies Soziales Jahr) in Costa Rica gelandet, dem saftig grünen Land des puren Lebens.

Mein FSJ mache ich mit der deutschen Organisation “kulturweit”, die wiederum mit mehreren Partnern in Bildung, Presse und Archäologie zusammenarbeiten, mit UNESCO-Nationalkommissionen und Goethe-Instituten in sämtlichen Ländern der Welt. Als Freiwilliger kann man grob gesagt eigentlich überall reingesteckt werden, je nachdem was zu einem passt und wie man sich gibt.

Im Mai bekam ich meine Stelle beim Pädagogischen Austauschdienst; von September 2018 bis Februar 2019 würde ich an der Deutschen Schule in San José, Costa Rica arbeiten. Ich war ganz aus dem Häuschen vor Freude! Ich stand nämlich nur auf der Warteliste, hatte die Sache eigentlich schon aufgegeben und angefangen mich nach Alternativen umzuschauen – in Costa Rica. Dass ich dann ausgerechnet dort noch eine Stelle bekommen habe, konnte ich kaum glauben, schließlich werden die meisten Nachrücker nach Polen oder Tschechien geschickt, was ohne Frage auch eine super Erfahrung gewesen wäre. Aber Costa Rica war nun einmal mein Traumland.

Marie Costa Rica

Vorbereitungen für ein halbes Jahr in Costa Rica

Die Schule, in der ich hauptsächlich in der Nachmittagsbetreuung arbeite, hat mir beinahe sofort nach Kontaktaufnahme eine Gastfamilie vermittelt, wofür ich sehr dankbar war, da ich nebenbei ja auch noch (ein wenig) mit dem Abitur beschäftigt war. Und das war es dann auch beinahe mit der Vorbereitung. Impfungen sind ja glücklicherweise relativ schnell erledigt, mehr konnte ich dann auch nicht tun.

Das war ein ganz komisches Gefühl, schließlich standen mir fünf Monate in Lateinamerika bevor, einer Ecke der Welt, mit der ich mich vorher um ehrlich zu sein nur wenig beschäftigt hatte, außer eben in meinen Reiseträumen. Dass diese nun Realität wurden, war ganz schwer zu begreifen. Außerdem wusste ich kaum etwas über meine Arbeitsstelle oder die Gastfamilie. So ist das in Costa Rica eben, das weiß ich jetzt; man kommt, man macht, das passt schon irgendwie. Das nennt man hier „Pura Vida“.

Ankommen in Costa Rica: Gastfamilie & Sprache

Meine Gastfamilie holte mich vom Flughafen ab. Und eigentlich war das Eis direkt gebrochen. Rebeca und Alejandro sind wirklich super nett und weltoffen, sie reisen gerne und leben nach dem Motto „mi casa es su casa“, also so in etwa das deutsche „fühl dich ganz Zuhause“. Auch die kleine achtjährige Tochter Daniela hat vieles einfacher gemacht. Sie geht mittlerweile in die dritte Klasse an der deutschen Schule, weshalb ich mit ihr Deutsch sprechen konnte. Die Eltern können gut Englisch (jedenfalls verglichen zu dem Großteil der “ticos”, wie die Costa Ricaner sich selber nennen), dadurch war ich sprachlich nicht zu sehr aufgeschmissen.

Bei meiner Ankunft konnte ich nämlich überhaupt gar kein Wort Spanisch. Zwar habe ich versucht mit einer App die Grundlagen zu lernen, aber so weit kommt man damit dann auch nicht, zumal das Spanisch hier natürlich auch etwas anders ist als in Spanien. Um ehrlich zu sein bin ich mittlerweile aber sehr dankbar dafür, das heißt nämlich auch, dass ich das Lispeln der Spanier nicht übernehmen muss. Würde ich dann zwar sicher anders sehen, aber ist nun mal so.

Die Großmutter kann nur Spanisch, sie hat mich an meinem zweiten Tag etwas überfordert, aber mittlerweile kann ich mit ihr reden (nicht viel, aber es reicht.) Wenn meine ganze Gastfamilie nur Spanisch könnte, hätte ich es natürlich schneller gelernt. Aber so ein bisschen sprachliche Sicherheit hat mir dann doch sehr gut getan, vor allem zu Anfang. Jetzt, nach fünf Monaten bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich eigentlich alles verstehe. Mit Fremden rede ich dann auch auf Spanisch, klappt natürlich nicht immer ganz reibungslos, aber mir persönlich reicht es auch, ich bin ja mit nichts gekommen. Bei der Gastfamilie ist es anders, Englisch ist einfach doch einfacher. Aber nicht mehr immer. Das ist ein Fortschritt!

Wohnsituationen in Costa Rica

Ganz einfach gesagt: Meine Gastfamilie hat Geld. Generell scheint man in Costa Rica entweder richtig viel Geld zu haben, gar keins oder ein bisschen. Bevor ich dazu mehr sage, will ich klarstellen, dass ich nur von meinen Wahrnehmungen schreibe. 

Der normalen Mittelschicht geht es eigentlich ganz gut, die haben ein Haus aus festem Baumaterial und genug Platz für die Familie. Die Häuser sind direkt nebeneinander gebaut, vor jedem sind riesige Zäune und je ein Tor, mindestens zwei Meter hoch. Meistens sind die Häuser sandig gelb oder rötlich, aber eigentlich immer irgendwie farbig. So sehen die meisten Straßen aus. So sieht auch San José aus. Haus an Haus, Tor an Tor.

Dann gibt es die mit mehr Geld. Im Gegensatz zu den Häusern der Mittelschicht stehen deren Häuser nicht einfach an der Straße, für die gibt es immer eigene kleine Wohngebiete, die “Condominios” genannt werden. Das heißt, dass man von der Straße aus nur eine Schranke oder ein großes Tor sieht, mit Wächtern, die prüfen, ob man wirklich dort lebt oder Besucher eines Bewohners ist. Dann darf man durch.

Die Häuser sind größer, die Straßen gepflegter, es gibt Palmen und immer einen eigenen kleinen Park und Spielplatz, manchmal sogar Tennisplätze und Gemeinschaftspools. Man ist in einer anderen Welt. In dieser Welt wird gejoggt, gespielt und mit den Hunden Gassi gegangen, auf der anderen Seite der Schranke tut das so gut wie keiner. Zwar gibt es hier auch immer Tore vor den Häusern, diese sind dann aber zu den Garagen, in denen meistens zwei große und/oder schicke Autos stehen. Die Haustüren selbst sind so gut wie immer geöffnet.

Ein paar Straßen weiter sind dann die kleinen Häuschen, die aussehen wie Slums. Wellblechhütten, dicht aneinander gedrängt, Wäscheleinen in den bleibenden Lücken. Ein improvisierter Bolzplatz direkt an der Straße. Die Kinder und Eltern spielen hier aber zusammen. Im Condominio bleibt jede Familie für sich.

Insgesamt geht es Costa Rica jedoch so viel besser als umliegenden Ländern. Nicht selten wird es als die Schweiz Lateinamerikas bezeichnet.

Meine Arbeit in Costa Rica

Wie ja bereits erwähnt, arbeite ich an der Deutschen Schule in San José, dem “Colegio Humboldt”. Vormittags hospitiere ich im Unterricht einer zweiten und dritten Klasse. Der Unterricht beginnt um 7:30 Uhr und endet in der Grundschule um 12:10 Uhr. Ich bereite sehr viel Material vor, beantworte eine Menge Fragen und korrigiere Hausaufgaben und Tests. Von 12 bis 16 Uhr arbeite ich dann in der Nachmittagsbetreuung. Ich spiele, bastle, singe und koche mit Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren. Und alle können Deutsch, die Kindergartenkinder natürlich nur wenig. Das sind dann die besten SpanischlehrerInnen.

Zu Anfang hatte ich keine Ahnung, was eigentlich meine Aufgaben waren. Ich kam an, wurde auf Spanisch begrüßt, hab nichts verstanden, die zweite Verantwortliche wurde geholt (die, die Englisch kann), ich wurde auf Englisch begrüßt und das war es dann. Dann kamen die Kinder. Und ich stand da und hatte genauso wenig Ahnung von der ganzen Sache wie vorher.

Zum Glück waren zu dem Zeitpunkt aber noch zwei andere deutsche Praktikantinnen da, die mir schnell gezeigt haben wo die Mikrowelle steht, damit ich das Essen der Kindern aufwärmen konnte und mir den groben Zeitplan mitgeteilt haben. Essen, Raumwechsel, Spielen, Aufräumen, Leserunde, Raumwechsel, Basteleinheit, Raumwechsel, Spielen, Aufräumen, dann nach draußen, Spielen. Mir als Deutsche hat dieses (Halb-)wissen sehr gut getan. Und nach ein paar Tagen war dann auch alles klar, so schwer ist das ja auch nicht.

Alleine als Frau in Costa Rica

Die Sonne geht jeden Tag um etwa 17:30 Uhr unter. Dann ist es dunkel, dann hört auch der Tag auf. Denn im Dunkeln gehe ich alleine nicht mehr auf die Straße.

Schon tagsüber alleine durch die Stadt zu laufen ist anstrengend und unangenehm. Ich bin zwar nicht blond aber auch nicht so dunkelhaarig wie die meisten Costa RicanerInnen und ich habe sehr weiße Haut und blaue Augen. Das zieht hier viele Blicke auf sich, darauf folgen Pfiffe, Gehupe und Kommentare, Gesten und noch mehr Blicke. Klingt nicht so schlimm, kann es aber sein.

Nette Ausdrücke wie „guapa“ (hübsch/Hübsche) oder „linda“ (schön/Schöne) werden durch anzügliche Blicke und gierigen Tonfall eben schnell zu Ausdrücken, die einem in manchen Fällen sogar Angst machen können. Da bleibt man nicht gerne lange an einer Straßenecke stehen oder im Getümmel der Menschen, und das Handy bleibt auch sicher in der Tasche. Denn auch Diebstähle und Raubüberfälle kommen nicht selten vor, obwohl auch hier die Quote in Costa Rica geringer ist als in anderen Ländern Lateinamerikas.

Kleine Fakten aus dem Land des „Pura Vida“

Das Motto Costa Ricas ist „Pura Vida“, pures Leben. Es kann auf viele verschiedene Weisen interpretiert werden, deshalb wird es auch in sämtlichen Situationen benutzt:

Hallo = Pura Vida.
Wie geht es dir? = ¿Pura Vida?
Mir geht es gut. = ¡Pura Vida!
Tschüss = Pura Vida.

Klingt wie ein Postkartenspruch, ist es aber nicht.

So gut wie jeder hat in den Getränkehaltern im Auto Kleingeld liegen. So geht die Durchfahrt durch die Autobahnzahlstationen viel schneller.

Blinken ist beim Autofahren irgendwie nicht so verbreitet. Manchmal wird geblinkt, manchmal nicht. Das System dahinter habe ich noch nicht so ganz verstanden. Wahrscheinlich gibt es das auch gar nicht…

Die Costa-Ricaner können die Spanier nicht leiden, oder vielmehr, dass sie deren Verhaltensweisen angenommen haben. Sie behaupten, sie hätten viel weniger Probleme, wären sie von den Portugiesen oder Engländern kolonialisiert worden.

Super viele amerikanische Einflüsse (etwas gegensätzlich zum vorherigen Fakt). Super große Autos, amerikanische Malls und alles geht aus dem Auto heraus. Bloß nicht aussteigen und ein paar Meter zu viel laufen.

Die Ticos finden ihre Städte extrem hässlich. Das sieht man also nicht nur als Ausländer so, die Meinung wird grundsätzlich geteilt.

Nur sehr wenige können „richtig“ Englisch sprechen. Meistens haben sie es sich selbst beigebracht, da das öffentliche Schulsystem da kaum weiterhilft. Deshalb blechen die Familien, die es sich leisten können, auch gerne einen Haufen Geld für die private Bildung ihrer Kinder.

Die Costa RicanerInnen sind voller Lebensfreude. Zur Begrüßung und zum Abschied gibt es Küsschen auf die Wange, es wird sehr viel gesungen und getanzt und Freudenschreie sowie lautes Lachen gehören definitiv zum Alltag. Manchmal fühle ich mich da sehr leise, da wäre ich gerne mehr wie die Ticos.

Niemand weiß wirklich etwas über die Geschichte Costa Ricas. Es gibt kaum alte Gebäude oder ähnliches, dafür ganz viel Regenwald, Berge, Vulkane, wunderschöne Strände und eine riesige Artenvielfalt.

Aber das zeige ich euch im zweiten Teil meines Briefs! 

Bis dahin und Pura Vida. 

Marie